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Caroline Ouederrou

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Mein gelebter Traum – eine Zwischenbilanz

Vor Kurzem fragte mich einer meiner lieben Studenten: “ Lehrerin, was haben Sie auf all den Reisen gelernt? Was ist die wichtigste Erkenntnis? Können Sie das in 3 Worten zusammenfassen?“

Ich musste nicht lange überlegen, um eine klare Antwort geben zu können. Mit 3 Worten war es jedoch nicht möglich. Dieses Gespräch regte mich dazu an, meine Gedanken niederzuschreiben.

 

Erkenntnis Nummer 1: Man kann überall auf der Welt glücklich sein und sich zu Hause fühlen, wenn man Auge, Ohr und Herz immer offen lässt. Wenn man das Fensterl zum Herzerl offen lässt, fliegt das Glück auch hinein! 

Mir wurde immer wieder im Laufe der letzten Jahre – manchmal anklagend – die Frage gestellt, wovor ich denn davonlaufe. Es sei schließlich nicht „normal“ , dass ich wie eine Nomadin von einem Land ins andere ziehe. Warum soll dieses Nomadenleben nicht „normal“ sein? Was spricht dagegen? Woher kommt dieses negative Denken, ich würde vor etwas davon- statt auf etwas hinzulaufen? Habe ich mich dann immer wieder gefragt.

Ich weiß, dass man überall zu Hause sein kann, wenn man bei sich selbst zu Hause ist. Bei mir zu Hause sein, bedeutet für mich, dass ich frei bin, frei, mein Leben so zu gestalten, wie ich es möchte. Das bezieht sich nicht nur auf die räumliche oder die Arbeitssituation. Ich meine damit vor allem die innere Freiheit. Diese erlangt man durch aufstellen eigener Lebensprinzipien, über die man sich klar werden und sie dann auch verfolgen muss. Ich habe meine Lebensprinzipien, die da heißen: glücklich sein, mit einem offenen Herzen durchs Leben und auf alle Menschen zugehen, niemanden hassen, negative Gedanken möglichst vermeiden UND immer lachen und lieben!

Diesen Prinzipien folgend finde ich immer und überall offene Türen und Herzen und dann fühle ich mich wohl.

Zwar existiert für mich auch ein Heimatbegriff. Er ist für mich verbunden, mit dem Ort, an dem ich geboren und aufgewachsen bin, mit den lieben Menschen, Familie und Freunden dort, mit Erinnerungen, Bildern und Emotionen. Aber das Konzept „Heimweh“ liegt mir fern. Heimweh verspürte ich bisher bei meinen Auslandsaufenthalten wirklich noch nie. Warum Schmerzen empfinden, wenn man etwas Schönes im Herzen trägt? Ich freue mich, dass ich sie habe, die Heimat. Also empfinde ich Freude und Dankbarkeit und keinen Schmerz.

Warum Schmerzen empfinden, wenn man etwas Schönes im Herzen trägt?

 

Erkenntnis 2: Alle Menschen sind gleich

Ich habe nie Berührungsängste, wenn ich Menschen, egal welcher Herkunft, Religion, Kultur oder sonst was begegne. Deshalb kommt es auch immer wieder zu wunderschönen, unvergesslichen und oft auch unerwarteten Begegnungen, die mein Leben reicher und schöner und einzigartiger machen.

Ein lieber Freund sagte vor einiger Zeit zu mir: “ Caroline, du bist der gelebte Humanismus.“ Das war eines der schönsten Komplimente, die ich jemals bekommen habe. Ich werde es immer im Herzen tragen.

Gerade bei dieser zweiten Erkenntnis möchte ich einen Gedanken anfügen: Ich finde es wichtig, seine eigenen Überzeugungen immer wieder selbst auf die Probe zu stellen. Es ist ein Leichtes zu sagen: „Alle Menschen sind für mich gleich, ich begegne jedem auf Augenhöhe“. Es dann zu überprüfen, ob und wie man diesen Grundsatz wirklich lebt  und sich selbst zu beweisen, dass man es tatsächlich tut,  ist etwas Anderes. Und das waren für mich entscheidende Lebensmomente. Nicht nur in Worthülsen zu leben, sondern in gelebten Überzeugungen. Sicher auch ein Grund für meine grundsätzliche Lebenszufriedenheit.

Ich habe nie Berührungsängste, wenn ich Menschen, egal welcher Herkunft, Religion, Kultur oder sonst was begegne.

 

Erkenntnis 3: Auf Reisen lernt man Dinge, die man in Büchern nicht lesen kann

„Menschen machen keine Reisen – Reisen machen Menschen.“ Diese Aussage von John Steinbeck hat mich immer begleitet.

Bei meinem jetzigen Aufenthalt in Marokko habe ich mir immer mal wieder die Zeit zur Selbstreflexion genommen. Mir ist aufgefallen, dass sich in den letzten Jahren durch das Reisen einige wesentliche Dinge meiner Persönlichkeit tatsächlich verändert haben. Einige Einstellungen zum Leben haben sich gedreht.

Vor allem relativiert sich vieles. Grenzen verwischen immer mehr, weil man überall auf der Welt Parallelen und Ähnlichkeiten entdeckt. In manchen Dingen bleiben die Unterschiede jedoch auch klar und konstant oder bestärken sich auch. Man wird sich selbst klar über die genauen Umrisse seiner Persönlichkeit.

Zum einem sind es banale, äußerlich wahrnehmbare Veränderungen, wie zum Beispiel mein Kleidungsstil. Ich fühle mich in Kleidern, die ich vor Jahren getragen habe, nicht mehr wohl, habe meinen Kleidungsstil den Ländern, in denen ich lebte und lebe angepasst. Und ich finde, es ist stimmig.

Zum anderen sind es tiefer liegende Veränderungen, die mein Wesen betreffen. Dabei hatten die Aufenthalte im buddhistischen Ladakh mit Sicherheit den größten Einfluss auf mich. So kann ich einige Erfolge bzw. Fortschritte in meiner Persönlichkeitsentwicklung verzeichnen: Materielle Dinge verlieren zunehmend an Bedeutung; ich kann das Konzept des Mitgefühls immer mehr in mein Leben integrieren und negative Gedanken und Gefühle besser und häufiger vermeiden; ich möchte keine Menschen mehr hassen und bin viel ruhiger und sanftmütiger geworden; meine Einstellungen in Bezug auf Partnerschaften und Beziehungen haben sich auch verändert.

„Menschen machen keine Reisen – Reisen machen Menschen.“

 

Diese Erkenntnisse sind aber keine wirklichen Erkenntnisse. Vielmehr sind es Einsichten, die ich vorher schon hatte und die sich durch das Reisen nur bestätigt bzw. bestärkt haben.

Zum Schluss noch ein Gedanke zu meinem Lebenskonzept:

Ich bekomme immer mal wieder Zuschriften von Leuten, die mich und meine Art zu leben, meinen Traum zu leben, bewundern. Das sind oft Menschen, die mit ihrem Leben unzufrieden sind und davon träumen „auszubrechen“. Dieses bewundernde Hochschauen verursacht bei mir immer ein unangenehmes Gefühl. Denn es ist so einfach:

Es gehört nicht viel Mut dazu, seinen Traum zu leben. Ich hatte jedenfalls zu keiner Zeit das Gefühl, dass ich besonders mutig oder waghalsig bin. Es ist pure Neugier, die mich immer angetrieben hat. Neugier auf das volle Leben, auf die Menschen und die Natur. Man braucht nur Neugier und ja, auch Selbstvertrauen – das habe ich Gott sei Dank!

Ich denke, dass jeder seinen ganz eigenen Weg gehen kann, wenn er sich von den Einflüssen seiner Umgebung frei macht und wirklich in sich hineinhört, um zu erkennen, was ihn selbst glücklich macht bzw. glücklich machen könnte.

„Frei sein“ heißt für mich, sich selbst keine Grenzen zu setzen, weder im Denken noch im Fühlen. Und der Horizont lässt sich immer erweitern. Da hilft das Reisen ganz besonders dabei!

Also los! Lebt euren Traum – es gibt nichts Schöneres!

 



Stefanie „Itto“ Tapal-Mouzoun – der erblühende Engel

Heute gibt es in meiner Porträtreihe einmal ein Porträt andersherum: Ich stelle euch jemanden vor, der aus Deutschland weggegangen ist, um in der Ferne Gefühlen und Visionen zu folgen. Es ist die Geschichte einer gelungenen Integration, die durch Glaube, Liebe und innere Stärke gelang. Und es ist eine Geschichte über die Verwirklichung des großen Traumes, etwas für sich selbst und für die Gemeinschaft zu tun, basierend auf der Erkenntnis, dass es einem besser geht, wenn es auch anderen gut geht. Solche Geschichten brauchen wir in diesen Zeiten.

 

Stefanie „Itto“ Tapal-Mouzoun

Alter: 38

Heimatland: Deutschland

in Marokko seit: 2004

 

Die immer lächelnde Itto im schönen Ait Bouguemez Tal im Hohen Atlas

 

Als ich Itto im Februar dieses Jahres in Marrakesch zum ersten Mal persönlich begegnete, dachte ich mir sofort: Diese Frau ist ein Engel! Sie hat so ein herzliches und einnehmendes Wesen. Und sie strahlt all das aus, was mir selbst auch wichtig ist: Liebe, Menschlichkeit, innere Ruhe und Zuversicht. Man mag sie einfach nur umarmen. Im Oktober besuchte ich sie und ihre Familie zuhause im Ait Bouguemez Tal im Hohen Atlas, wo sie  seit 12 Jahren leben.

Auf die Frage, warum sie ihre Heimat verlassen habe, antwortet Itto: „aus Liebe zu meinem Mann, zum Land und zur Religion.“ Allein die Reihenfolge ihrer Liebeseingeständnisse und -erklärungen ist etwas anders, als man es erwartet hätte.

Im Jahr 2002 kam Itto im Rahmen eines Studienpraktikums zum ersten Mal nach Marokko. Sie studierte damals an der FH Stuttgart Innenarchitektur und hatte die Möglichkeit, ein halbes Jahr nach Marrakesch zu gehen. Sie verliebte sich sofort in das Land und hatte genug Zeit, mit Land und Leuten etwas vertraut zu werden. Durch die Zusammenarbeit mit den muslimischen Kollegen vor Ort kam sie in den ersten Kontakt mit dem Islam.

Lächelnd, fast beschämend, erzählt Itto, welch mulmiges Gefühl sie hatte, als sie zum ersten Mal den Koran in deutscher Übersetzung in ihren Händen hielt. Bis dato war sie gläubige, praktizierende Protestantin und wollte ursprünglich sogar Theologie studieren. Der Kontakt mit diesem ihr noch fremden heiligen Buch war ein mutiger Schritt für sie. Zumal sie auch nicht ganz frei von den Ressentiments war, die im Westen gegenüber dem Islam herrschten.

„Allah hat mich zum Islam geführt. Er ist für mich die Fortführung des Christentums.“ Itto ließ sich mit offenem Herzen auf das Neue ein und fand darin ihr Heil. Die Religion habe sie schon immer getragen, sagt Itto. Im Islam werde für sie weitergeführt, was sie schon kannte, ihre Liebe und ihr Vertrauen zu Gott gestärkt und es würden ihr Fragen beantwortet, auf die sie noch keine Antworten gehabt hatte. „Ich habe mich Gott voll anvertraut.“ Resultat dieser inneren Wandlung und Zuwendung war Ende des Jahres 2002 ihre Konversion zum Islam.

 

Itto und Haddou am Anfang ihres gemeinsamen Weges

 

Während ihres ersten Aufenthalts in Marokko lernte sie auch ihren späteren Ehemann Haddou Mouzoun kennen. Er arbeitete damals als Reiseleiter in der Stadt, wodurch die beiden in Kontakt kamen. Sie wollte sich diesem Mann nicht hingeben, ohne absolute innere Gewissheit und einen offiziellen äußeren Rahmen zu haben, sagt Itto lächelnd.  So verlobten sie sich Ende 2002 und im Frühjahr 2003 heirateten die beiden in Deutschland.

Nachdem Itto in Deutschland ihr Studium beendet hatte und das erste Kind zur Welt gekommen war, zog die kleine Familie im Sommer 2004 los, um in Haddous Heimat ihr Glück zu finden. Nach einem halben Jahr in Fes übersiedelten sie ins Ait Bouguemez Tal. Itto wollte das Leben, die Sprache und Kultur ihres Mannes und somit auch ihrer Familie kennen lernen. In den folgenden Jahren lernte sie die Berbersprache und integrierte sich mit viel Engagement und Interesse und ganz viel Herz in die familiäre und dörfliche Gemeinschaft. So wird in der Familie Mouzoun Berber und Deutsch gesprochen und berberische Traditionen werden gepflegt und gelebt.

Itto ist anerkanntes und geschätztes Mitglied der dörflichen Gemeinschaft und fühlt sich dort, in der Abgeschiedenheit des Tals ganz zu Hause, angekommen. Das sieht man und das spürt man.

In den ersten Jahren im Tal hatten Itto und Haddou eine kleine Reiseagentur und zeigten europäischen Touristen ihr wunderschönes Land. Mit der Zeit merkte Itto, dass dieser Beruf nicht wirklich ihre Berufung war. Ihr Interesse ging immer mehr in Richtung Pädagogik, mit der sie sich zunehmends beschäftigte. 2007 kam es dann zu einer Begegnung, die den Grundstein für die Verwirklichung von Ittos Visionen legte:

Veronika Müller-Mäder und Jürg Mäder, die Gründer und Leiter der „Scuola Vivante“ in der Schweiz, kamen im Zuge einer Bildungsreise mit einigen Schülern ins Ait Bouguemez Tal. „So eine Schule wie eure würd‘ ich mir für meine Kinder wünschen“, sagte Itto bei dieser Begegnung. Die Antwort der beiden Schweizer: „Warum gründet ihr nicht eine eigene Schule – wir helfen euch!“

 

Itto mit Kindern aus dem Tal in der Planungs- und Vorbereitungsphase der „école vivante“

 

So entstand und reifte die Idee einer Partnerschule. Itto und Haddou folgten gemeinsam der Vision, die Bildungsmöglichkeiten für die Kinder im Tal zu verbessern. Das Grundkonzept der Schule: „Kinder können werden, was sie im Grunde ihres Wesens sind.“ Die Kinder sollten fortan die Möglichkeit und den Raum bekommen, ihre Talente zu entdecken und zu entfalten, aber auch und ganz wichtig, marokkanische Heimatkunde lernen und alte Berbertraditionen pflegen. Das Hauptaugenmerk der Ausbildung soll auf der freien Entwicklungsmöglichkeit des einzelnen Schülers und der Förderung der Talente liegen.

Im September 2010 konnte der offizielle Unterrichtsbetrieb der freien Grundschule „école vivante“ aufgenommen werden, anfangs noch in den Räumen des Familienhauses, was eine harte Belastungsprobe für die mittlerweile 5-köpfige Familie war. Aufgrund der räumlich prekären Situation und der Tatsache, dass das Schulangebot im Tal von der Bevölkerung sehr gut angenommen wurde, zog die Familie nach 4 Jahren in ein angrenzendes Haus, um der Schule den nötigen Raum und ihnen selbst auch den räumlichen Abstand geben zu können.

Aber damit nicht genug, die Visionen und Ambitionen von Itto und Haddou gingen weiter: 2014 wurde mit dem Neubau für die Sekundarstufe begonnen, welcher Ende des Jahres fertig wurde und 2017 eingeweiht werden wird. In diesem neuen Schulgebäude werden die Realschulklassen mit Freizeitwerkstätten, Tüftellabor und Seminarräumen untergebracht sein.

Ohne die vielen helfenden Hände, Berater und Wegbegleiter, ohne die Vielzahl an Spenden, wären all diese realisierten Visionen niemals möglich gewesen. So wurde der Bau des neuen Schulgebäudes fast komplett von WELTWEITWANDERN finanziert. Dafür sind Itto und Haddou unendlich dankbar.

 

Itto und Haddou mit ihren 4 Kindern vor dem fast fertiggestellten neuen Schulgebäude im Oktober 2016

 

Ich frage Itto nach ihren Träumen. „Ich habe viele Riesenvisionen“, sagt und lacht sie wieder herzlich und frei. Der „campus vivante“ sei ihr gemeinsames Lebensprojekt. Diese Vision sei aus einem ursprünglichen Traum gewachsen: anderen ermöglichen zu erblühen, sich selbst treu zu bleiben und die Verbindung zur Natur, zu Gottes Schöpfung zu behalten. „Wir erblühen mit dem Projekt total und helfen vielen anderen zu erblühen.“

Als ich Itto bitte, sich selbst mit nur einem Wort zu beschreiben, sagt sie nach langem Überlegen: erblühen.

Und wahrlich, durch ihren unermüdlichen Einsatz und ihre nie versiegende Energie hat die Mutter von heute 4 Kindern gemeinsam mit ihrem Mann wirklich Großes vollbracht. Sie haben das Leben im Tal nachhaltig verändert und durch die besseren Ausbildungsmöglichkeiten den Lebensstandard der Bevölkerung erhöht.

Zum Schluss frage ich Itto, woher sie die Kraft für all das nehme. Sie lächelt und zeigt mit dem Finger nach oben. In diesem Moment denke ich, dass es völlig egal ist, welcher Religion man angehört. Wenn man sich nur darin zuhause fühlt und so viel Lebenskraft und Liebe daraus schöpfen kann.

Möge Gott ihr noch viel von beidem geben! Inshallah

Itto und ich vor dem Schulgebäude im Ait Bouguemez Tal

 

 

Wer mehr über das Schulprojekt im Hohen Atlas erfahren möchte: Hier geht es zur Homepage der école vivante:

http://www.ecolevivante.com/

 

Und auch auf der Seite des Vereins „Weltweitwandern wirkt“ kann man mehr über das Projekt erfahren und auch spenden:

http://www.weltweitwandernwirkt.org/

 

 

 

 

 

 

 

 



Cultural Alphabet Ladakh – G wie Gompa

G wie Gompa

„Gompa“ heißt Kloster. Und die Klöster sind für Ladakh so charakteristisch wie die Bergketten und schneebedeckten Gipfel – und genauso bezaubernd und wunderschön! Entlang des gesamten Industals ragen sie immer wieder märchenhaft auf Hügeln in den Himmel, umgeben von unzähligen Chörten und Manimauern. So bringt ein jedes Kloster Segen über den dazugehörigen Ort!

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Kloster Thiksey, auch Klein Potala genannt, ragt märchenhaft in den Himmel

Allesamt sind sie tibetisch-buddhistische Klöster. Es gibt 2 große Hauptrichtungen: den Gelbmützenorden (=Gelugpa) und den Rotmützenorden (=Kargyüpa).

Seine Heiligkeit der 14. Dalei Lama ist Oberhaupt des Gelbmützenordens. Er besucht Ladakh jeden Sommer und wird in diesem Jahr in meinem Lieblingskloster in Thiksey residieren. Ich hoffe sehr, dass mir das große Glück beschert sein wird, ihn wiedersehen zu können. Es ist ein ganz magischer Moment, diesem außergewöhnlichen Menschen zu begegnen. Man spürt eine ganz besondere Energie und Glückseligkeit. Er wird im tibetischen Buddhismus als Bodhisattva des Mitgefühls gesehen und genau das spürt man, wenn man in seiner Nähe ist, diese kraftvolle Ausstrahlung der Menschlichkeit!

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Seine Heiligkeit der 14. Dalei Lama bei einer Predigt im Juli 2015

Die Klöster haben immer eine gleiche Grundstruktur. In jedem Kloster gibt es einen Innenhof, mindestens einen Versammlungsraum (=Dukhang), einen Figurenraum und einen Raum für die zornvollen Schutzgottheiten (=Gonkhang). An den Wänden aller Räume kann man jahrhundertealte, wunderschöne und zum Teil erstaunlicherweise gut erhaltene Wandmalereien betrachten. Ich stehe immer wieder staunend davor. Staunend darüber, welche wunderbaren, filigranen und eigentlich unergründlichen Kunstwerke damals entstanden sind und welch großes Glück es ist, dass wir diese heute noch bestaunen können.
Im Innenhof eines jeden Klosters finden die traditionellen Maskentänze während der Klosterfeste statt. Das ist immer ein besonderes Ereignis, zu dem sich die Einheimischen herausputzen und in ihren schönsten Trachten präsentieren. Absoluter Höhepunkt ist, wenn man das Auftreten eines Orakels im Kloster in Matho oder Stok erleben kann. Alleine dafür lohnt es sich schon, einmal im Winter zu kommen, wenn diese Spektakel stattfinden.

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Maskentanz beim Klosterfest in Hemis 2015

Die Atmosphäre in den Klöstern ist unbeschreiblich. Nirgends sonst verspüre ich solch einen tiefen Frieden. Woran es liegt? Es muss die einzigartige Melange sein –  aus der faszinierenden Landschaft, den uralten, sprechenden und lebenden Gebäuden und der bezaubernden Aura der meisten Mönche.
Es gibt einige Buddhastatuen, bei deren Betrachtung ich immer das Gefühl bekomme, dass sie mich betrachten…und es ist kein unheimliches Gefühl, sondern ein wohlig-warmes und angenehmes. Man muss nicht Buddhist sein oder werden, um solche Momente erleben zu können. Man muss die Magie, die von diesen Plätzen ausgeht, einfach nur auf sich wirken lassen und man verändert sich von selbst…

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Klöster in Ladakh – hier empfinde ich tiefen Frieden

 



Warum ich Ladakh so sehr liebe…

Warum ich Ladakh so sehr liebe…

Flug über den Himalaya. Wir haben ganz klare Sicht. Ich bin sehr aufgeregt. Die 9 Monate des Wartens haben endlich eine Ende.
Als ich den ersten Blick ins Industal erhasche und dann Kloster Spituk entdecke, steigen mir Tränen der Rührung und Vorfreude in die Augen. Es ist das vertraute Gefühl des Nachhausekommens.
Aber was hat dieses Land am Dach der Welt, dass ich mich hier um so vieles wohler fühle als an anderen Plätzen der Welt?

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Es ist der Frieden, den ich hier oben verspüre, der mich so glücklich macht!

Es ist der Frieden, den ich hier oben verspüre. Ladakh ist für mich ein Land ohne Aggressionen. Die Menschen gehen hier so gut sie können den buddhistischen Weg eines gewaltfreien und mitfühlenden Miteinanders. Selbst in Ladakhs Hauptstadt Leh, die mittlerweile stark gewachsen und chaotisch ist, wird man nie böse Worte, raunzende oder streitende Menschen beobachten können (und wenn doch, sind es sicher keine Ladakhis). Auf der Straße wird man von Einheimischen immer mit einem herzlichen „Julley“ begrüßt.
Natürlich sind die Menschen auch hier vor den Einflüssen, die Touristen und Medien mit sich bringen, nicht gefeit. Traditionen sind hier wie überall auf der Welt bedroht. Aber ich beobachte, dass viele auch junge Ladakhis bemüht sind, Traditionen zu erhalten. Ich hoffe, es wird ihnen gelingen.

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Momente, die beglücken und selig machen…

Die schönsten Begegnungen hier sind die mit den Mönchen. Für mich sind eigentlich alle Mönche hier wunderschöne Menschen, weil sie solch eine innere Ruhe, Frieden und Zufriedenheit ausstrahlen. Aber mitten unter ihnen gibt es immer welche, die ganz besonders sind. Wenn diese Mönche einen Raum betreten, beginnt alles zu leuchten. Sie strahlen so eine besondere Energie und ein Licht der Menschlichkeit und des Mitgefühls aus…Das sind einfach bezaubernde Momente. Ich mag dann einfach immer nur da sitzen und diese Mönche anschauen, ganz beglückt…

Die Landschaft ist außerdem atemberaubend. Wenn man einige Tage auf einem Trekking unterwegs ist, vergisst man den Rest der Welt komplett. Denn dieser Rest der Welt verliert hier an Bedeutung. Man ist einfach hier und Teil der Natur. Man bewegt sich zwischen 3.500 und 5.500 Metern und hat manchmal das Gefühl, dass man die Wolken angreifen kann, so nahe kommt man dem Himmel. Daraus ergibt sich dann ein erhabenes Gefühl, dass einen mühelos weitertreibt…

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Man ist einfach hier und Teil der Natur

Über die Jahre haben sich auch enge Bande gebildet. Wenn ich von meiner ladakhischen Familie spreche, ist das nicht nur so dahergeredet. Ich fühle mich ihnen sehr verbunden. Vielleicht habe ich eines meiner früheren Leben hier verbracht und kehre nur zu meinen Wurzeln zurück…

Es ist wie es ist und es ist gut so. Hier bin ich in Frieden und ganz bei mir. Und ich merke, wie ich mich mit jedem Aufenthalt hier weiter verändere und auch zu Hause in Europa versuche, an mir zu arbeiten und zu wachsen. Ich bin hier als Lehrerin der deutschen Sprache, aber meine Familie hier erteilt mir Lehren fürs Leben. Lehren über die buddhistische Philosophie und Lebensweise, über Geduld, Mitgefühl und Selbstlosigkeit.
Dankbar, neugierig und mit offenem Herzen genieße ich nun die vor mir liegenden Wochen in meinem Paradies. Und hege tief in meinem Herzen den Wunsch immer wiederkehren zu können…

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Ich genieße die Tage und Wochen in meinem Paradies, mit dem Wunsch immer wiederkehren zu können…

Julley!

 



Sameh Edward Aziz – der furchtlose Optimist

Nicht erst seit der Flüchtlingskrise sind Ausländer, Migranten, Flüchtlinge  Thema in Medien und Diskussionen, öffentlich, privat, überall. Hinter diesen „Kategorien“ stecken Menschen, die einen Namen, ein Gesicht, ein Herz, eine Geschichte haben. Und genau das möchte ich einigen von ihnen geben: einen Namen, ein Gesicht, eine Geschichte und Aufmerksamkeit.

Durch meine Arbeit als DaF-Trainerin (Deutsch als Fremdsprache) und ÖSD-Prüferin (Österreichisches Sprachdiplom) bin ich in den letzten Jahren sehr vielen Menschen aus den unterschiedlichsten  Ländern der Welt begegnet. Jeder hat seine eigene, faszinierende Geschichte. Einige möchte ich hier in meiner Reihe „Portäts: MenschenGesichterGeschichten“ vorstellen.

 

Sameh Edward Aziz

Alter: 37 Jahre

Heimatland: Ägypten

In Österreich seit: Oktober 2013

 

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Sameh am Eingang zur Koptisch-Orthodoxen Kirche“ Heilige Jungfrau von Zeitoun“ in Wien

Sameh besuchte im Herbst 2015 einen meiner Deutschkurse. Er ist eine Person, die man sofort ins Herz schließt: Sameh ist immer freundlich und fröhlich, hilfsbereit und redet nie schlecht über andere Menschen. Also eine echte Perle im Deutschkursgefüge! Und Sameh verkörpert für mich das, was man im Volksmund den „Hansdampf in allen Gassen“ nennt: Er arbeitet 20 Stunden pro Woche in einem Taxiunternehmen als Buchhalter, besucht täglich einen Deutschkurs, macht ehrenamtlich die Buchhaltung für die Koptisch-Orthodoxe Kirche in Wien, geht einmal pro Woche auch ehrenamtlich für die Caritas  in das Pflegewohnhaus „Haus Schönbrunn“, um den Menschen dort Gesellschaft zu leisten und mit ihnen Karten zu spielen, ist gerade dabei seine eigene Firma zu gründen und hat eine kleine Familie, um die er sich liebevoll kümmert!

Vor zweieinhalb Jahren verließ Sameh mit seiner Frau Saly und den beiden Söhnen Daniel und David die Heimat Ägypten. „Für mich wäre Ägypten besser“, sagt Sameh ein bisschen wehmütig. Er und seine Frau hatten sich der Kinder wegen für diesen Schritt entschieden. Sie wollen,  dass ihre Söhne in einem Land aufwachsen, dass ihnen bessere Zukunftsperspektiven als das Heimatland bieten kann. Die Wirtschaftslage in Ägypten ist schlecht, Zukunftsprognosen nicht sehr rosig. „Hier ist alles super: der Verkehr, die Sauberkeit, die Sicherheit, Schulen, Ausbildung und Arbeitschancen“.

Ein weiterer, ausschlaggebender Grund, das Land zu verlassen, war die Situation der koptischen Minderheit in Ägypten, der sie angehörten. „Wir Kopten stehen in Ägypten ständig unter gesellschaftlichem Druck“, sagt Sameh. Die Kopten werden in der islamisch dominierten Gesellschaft ausgegrenzt, sie leiden unter Vorurteilen und Diskriminierungen, vor allem in der Arbeitswelt. „Es war als Kind schon nicht leicht“, sagt Sameh mit einem Lächeln. „Wenn wir sonntags mit unseren Ikonographie-Bildchen in der Hand in die Kirche gingen, wurden wir von Gleichaltrigen beschimpft und auch oft geschlagen.“

Das wollen Sameh und Saly ihren beiden Söhnen ersparen. Da Samehs jüngere Brüder bereits in Österreich lebten, boten sie der Familie an, zu kommen und sich alles einmal anzuschauen. Im Oktober 2013 war es dann soweit. Sie kamen und blieben. Denn die Kinder fühlen sich hier sehr wohl. Saly studiert bereits Pharmazie an der Uni Wien und Sameh wird ebenfalls an der Uni Wirtschaftsinformatik studieren.

 

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Sameh, Saleh, Daniel und David in ihrer Heimat Ägypten

Ich frage Sameh, was er am meisten vermisst. „Ich vermisse mein Leben in Ägypten … Ich fühle mich hier immer noch verloren oder am falschen Platz.“ In seiner Heimat studierte er nach der Matura Betriebswirtschaft, schloss mit einem Bachelor ab und arbeitete einige Jahre erst als Buchhalter, dann als Senior Account Manager und zuletzt als Account Director in großen Firmen. Hier ist alles schwer für ihn. Aber Sameh ist wie immer optimistisch.

Einen sicheren Rahmen und ein Stück Heimat fand er in der  Koptisch-Orthodoxen Kirche in Wien, in der er sich sehr engagiert. In Wien gibt es 5 Koptische Kirchen und ein Kloster (St.Antonius Kloster in Obersiebenbrunnen). Seit 2003 ist die Koptisch-Orthodoxe Kirche anerkannte Körperschaft des Öffentlichen Rechts in Österreich. Derzeit leben 5000-6000 ägyptische Kopten in Wien. Kinder können koptischen Religionsunterricht in der Schule besuchen. Und sonntags haben sie in der Sonntagsschule die Möglichkeit, die koptische Sprache zu erlernen. Da die koptische Sprache bereits im 10. Jahrhundert in Ägypten verboten wurde, ging sie leider als lebendige Sprache verloren und wird heute fast nur noch im kirchlichen Rahmen gepflegt. Aber ca. 4000 koptische Wörter haben Eingang in das Ägyptisch-Arabisch gefunden. „Die Leute wissen das nicht, sonst würden diese Wörter wahrscheinlich verboten werden“, sagt S.E. Bischof Anba Gabriel in einem Gespräch. Seine Exzellenz bekleidet seit 2004 das Bischofsamt  der Koptisch-Orthodoxen Kirche für Österreich und die deutschsprachige Schweiz und ist mit Sameh verwandt.

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Sameh mit S.E. Bischof Anba Gabriel in der Koptisch-Orthodoxen Kirche „Heilige Jungfrau von Zeitoun“

Ich frage Sameh nach seinem Traum. „Ich wünsche mir, dass meine eigene Firma erfolgreich wird!“ Er hat gerade erst sein eigenes Gewerbe bei der WKO angemeldet, als Web-Designer. Demnächst wird seine Website fertig (der Link folgt hier in meinem Blog), dann kann es richtig losgehen. Dabei möchte er aber sein zweites Ziel, das Studium der Wirtschaftsinformatik, nicht aus den Augen verlieren.

Die richtigen Zutaten für eine erfolgreiche Zukunft hat er jedenfalls. Er beschreibt sich selbst als jemanden, der niemals Angst hat. Er geht alle Aufgaben, Anforderungen und Hürden des Lebens mit viel Optimismus und Humor an. „Außer bei meinen Kindern … da habe ich Angst, um sie habe ich Angst“. Deshalb ließ er sich auf das Abenteuer „neues Leben in Österreich“ ein. Und so geht er auch hier alles mit dem ägyptischen Sprichwort الصبر طيب (issabre tayyip) an – die Geduld wird ihm sicher Rosen bringen!



Sujata Ghimire – das moderne Aschenbrödel

Nicht erst seit der Flüchtlingskrise sind Ausländer, Migranten, Flüchtlinge  Thema in Medien und Diskussionen, öffentlich, privat, überall. Hinter diesen „Kategorien“ stecken Menschen, die einen Namen, ein Gesicht, ein Herz, eine Geschichte haben. Und genau das möchte ich einigen von ihnen geben: einen Namen, ein Gesicht, eine Geschichte und Aufmerksamkeit.

Durch meine Arbeit als DaF-Trainerin (Deutsch als Fremdsprache) und ÖSD-Prüferin (Österreichisches Sprachdiplom) bin ich in den letzten Jahren sehr vielen Menschen aus den unterschiedlichsten  Ländern der Welt begegnet. Jeder hat seine eigene, faszinierende Geschichte. Einige möchte ich hier in meiner Reihe „Portäts: MenschenGesichterGeschichten“ vorstellen.

 

Sujata Ghimire

Alter: 24

Heimatland: Nepal

in Österreich seit: September 2012

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Sujata auf einem ihrer Lieblingsplätze in Wien

Sujatas Geschichte klingt wie ein modernes Märchen und wäre ein geeigneter Stoff für eine Verfilmung. Als sie mir das erste Mal von ihrem Leben erzählte, kamen mir die Tränen. Das war irgendwann im Winter 2013/2014. Obwohl sie auch an dem Institut, an dem ich unterrichte, Deutschkurse belegte, lernte ich sie nicht dort kennen, sondern über Facebook, über einen gemeinsamen Freund, der auch schon in Nepal gewesen war. Und aus der virtuellen Freundschaft wurden Freundinnen  im realen Leben.

Sujata wurde in Bhaktapur geboren und wuchs dort mit ihren 3 Geschwistern, einer Schwester und zwei Brüdern, in ärmlichen Verhältnissen auf. Die Familie lebte gemeinsam in nur einem Raum. Das Gehalt des Vaters reichte zumindest so weit, dass die Familie nicht hungern musste. Eine leichte Kindheit hatte Sujata nicht. „Mein Vater hat mich immer gehasst, weil er keine Tochter haben wollte.“

Mädchen haben es in Nepal nicht immer leicht. Aber Sujata konnte eine öffentliche Schule besuchen, was ihr viel bedeutete. Sie war immer schon wissbegierig und lernte gerne. Dann kam die Zeit, die das Leben der Familie komplett auf den Kopf stellte. Der Vater brachte eines Tages seine zweite Frau mit nach Hause. Bereits nach kurzer Zeit eskalierte die Situation auf dem engen Raum und er verließ mit der „neuen“ Frau das Haus und die „alte“ Familie.

„An diesem Tag wurde ich zweifache Mutter“, sagt Sujata traurig. Vom Vater, der alkoholsüchtig war, sahen sie nie mehr einen Cent. Die Mutter war schon seit einiger Zeit schwer krank und arbeitsunfähig und der ältere Bruder kümmerte sich nur um sich selbst. Also war nun Sujata für ihre beiden jüngeren Geschwister verantwortlich und musste schauen, wie sie mit ihren 14 Jahren die Familie versorgen konnte. Ab und zu bekamen sie etwas Hilfe von Verwandten, was aber bei weitem nicht ausreichte.

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Sujata in traditionell-modernem Look; Foto: Dominik Vsetecka

 

Da sie Englisch sprach, begann sie Touristen für ein bisschen Trinkgeld durch die Stadt zu führen. Am Durbar Square, dem Haupttummelplatz von Touristen in Bhaktapur, war sie das einzige Mädchen und nicht gerne gesehen. Der Konkurrenzdruck unter den Fremdenführern war groß. Viele hatten Hunger. Anfangs ging Sujata nach der Schule zum Platz, dann blieb sie der Schule immer häufiger fern. Das Geld reichte nicht, da die Mutter teure Medikamente brauchte.

Dann kam der Tag, der alles veränderte. Es war der 19. Oktober 2007. Dieses Datum wird Sujata niemals  vergessen. Sie spricht am Durbar Square eine Gruppe österreichischer Touristen an, zeigt ihnen die Stadt. Am Ende drückt ihr einer der Männer 50 Doller in die Hand. Und eine Visitenkarte, mit den Worten: „Schick mir eine Mail. Wer etwas bekommt, muss sich dafür bedanken.“ Sujata war sehr dankbar und glücklich, denn das Geld würde die Familie einen Monat über die Runden bringen. Aber was sollte sie mit der Visitenkarte? E-Mail schicken? Sie hatte noch niemals einen Computer angefasst…Doch ihre Neugier rettete sie aus dieser Situation. Sie ging in ein Cyber-Café und bat jemanden, ihr zu zeigen, wie man eine Mail schreibt. Geschafft!

Von da an gingen E-Mails regelmäßig hin und her. Im Januar 2008 dann die nächste Überraschung. Das Paar aus Österreich wollte Sujata mit einem Touristenvisum zu sich nach Österreich einladen! Sujata glaubte sich im Himmel. Nicht lange. Denn niemand glaubte ihr bzw. der Einladung. „Träumen ist gut, in der Realität wird nix passieren!“, wurde sie verspottet. Sie begann selbst zu zweifeln, wollte dennoch an diesem Traum festhalten und wurde vorerst vor bittere Tatsachen gestellt: Wer ins Ausland reisen möchte, braucht einen Reisepass. Sujata hatte keinen, sie hatte gar keine Papiere, sie existierte bis dato offiziell überhaupt nicht!

Um ihren Traum doch noch wahr werden zu lassen, musste sie ein großes Opfer bringen. Sie musste ihren Vater aufsuchen, denn nur er konnte die Papiere für sie besorgen. Es kostete sie große Überwindung, ihn, der  sie alle im Elend sitzen ließ, um etwas bitten zu müssen. Er tat es nur für Geld. Aber er tat es. Der Weg für das Abenteuer in die neue Welt war frei,

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Sujata in ihrer Heimat Nepal

Im April 2008 war es dann soweit. Sujata kam für drei Monate nach Österreich. Und sie fühlte sich wohl hier. Das Zusammenleben mit ihrer Gastfamilie war harmonisch, sie gewöhnten sich aneinander, gewannen sich lieb. „Könntest du dir vorstellen, länger hier bei uns zu bleiben?“. Das war ein Angebot für ein neues Leben. Sujata konnte ihr Glück kaum fassen, war unendlich dankbar und sagte: „JA, ich will!“.

Doch alles brauchte seine Zeit. Sujata kehrte in ihre Heimat zurück, lernte am Goethe-Institut fleißig Deutsch und wartete auf ihre Papiere. Bis sie alle Papiere für ein Studentenvisum in Österreich zusammen hatte, vergingen 4 Jahre! Ja, das „Märchen“ hatte seinen Preis. Aber Sujata einen langen Atem und Ehrgeiz. In dieser Zeit arbeitete sie beim Verein „Nepalhilfe für blinde Kinder“ mit, der von einer Österreicherin geleitet wird.

Im September 2012 startete sie in ihr neues Leben und kam nach Österreich. Der Abschied war nicht schwer. „Ich war die Einzige, die nicht geweint hat. Ich war einfach nur froh, dass ich weg konnte.“ In Österreich angekommen fühlte sie sich wie eine „Prinzessin“, verglichen mit der Lebenssituation in Nepal. Aber sie wollte nicht wie eine Prinzessin leben, sie wollte sich von Anfang an hier selbst etwas erarbeiten und ihr Leben selbst erkämpfen. So war sie es gewohnt. Und so wollten es auch ihre „neuen“ Eltern.

Sujata belegte Kurse im Vorstudienlehrgang, machte ihre Ergänzungsprüfungen in Deutsch und Mathe und begann mit dem BWL-Studium an der WU Wien. Nur zu studieren genügte ihr aber nicht. Sie wollte auch arbeiten. Im September 2013 begann sie als Praktikantin bei WHATCHADO, einem mittlerweile sehr erfolgreichen österreichischen Web-Portal. Nach dem Praktikum boten sie ihr dort eine feste Stelle im Marketingbereich an, ein perfekter Job. 2 Gründe, die Sujata dazu bewogen ihr Studium abzubrechen – sie hatte einige Prüfungen an der WU immer wieder nicht bestanden und gleichzeitig lockte die Versuchung der Festanstellung. Sujata entschied sich für die Sicherheit. Denn sie unterstützt nach wie vor ihre beiden jüngeren Geschwister in Nepal. Sie bezahlt das Schulgeld für den Bruder und die Internatskosten für die Schwester.

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Sujata beim Zubereiten von Momos – eine Spezialität aus ihrer Heimat

 

Was sie am meisten hier vermisst? „Meine Freunde…und das Gefühl der Leute…dort kann ich meine Freunde treffen, ohne dass ich einen Termin ausmachen muss“. Und das Essen fehlt ihr. Aber das holt sie sich in ihre eigenen vier Wände und kocht immer wieder ihre geliebten Momos – ein Stück Heimat. Ansonsten hat sie kein Heimweh. Sie ist sehr realistisch. Hat ihre Pläne, hat ein Ziel. Außerdem besucht sie ihre Heimat immer wieder.

Ich frage sie nach ihren Träumen. „Mein größter Traum hat sich erfüllt. Ich bin nach Europa gekommen. Jetzt muss ich noch einmal träumen…mmmhhh…ich will weise werden.“ Wir lachen beide und diskutieren, was „weise sein“ bedeutet.

Ich bitte Sujata, sich mit nur einem Wort zu beschreiben. „Ehrlich, direkt“, sagt  sie sofort. Deshalb würden auch manche Leute nicht so gut mit ihr klar kommen. Mir war ihre direkte Art von Anfang an sympathisch. Sie ist sehr realistisch und hat sich schon früh im Leben auf das Wesentliche konzentrieren müssen. Das härtet ab, aber es macht auch stark. Und das ist sie – eine unglaublich starke und selbstbewusste junge Frau, die ihren Weg geht. Und sie ist dankbar und demütig. Eine gute Mischung.

Sujata ist ein modernes Aschenbrödel, das trotz des wahr gewordenen Märchens ganz auf dem Boden geblieben ist und ihre Persönlichkeit beibehalten hat. Und sie will weiter wachsen. Viel Glück dabei meine Liebe!

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Jeder hat seine Geschichte!

 

 

 



Qanat – قناة – Wasser für die Wüste

Unser Roadtrip geht weiter. Wir sind auf der Strecke zwischen Tinghir und Erfoud, das heißt, wir kommen immer näher an den Rand der Sahara. Das Herannahen der Wüste macht sich durch kleinere Sandanhäufungen, kleine Dünen am Straßenrand bemerkbar. Dann taucht plötzlich etwas Befremdliches in der Landschaft auf. Es sieht aus wie überdimensionale Maulwurfhügel. Dann erinnert es  mich auch an die Termitenhügel in West- und Ostafrika. Wir schauen uns fragend an. Was ist das? Und es werden immer mehr, scheinbar systematisch in die Landschaft gesetzt.

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Maulwurf- oder Termitenhügel? Wir sind ratlos…

Wir beschließen zu halten und dem Rätsel auf den Grund zu gehen. Zum Glück treffen wir sofort auf einen netten Berber, vom Stamm der Timarzite,  der so freundlich ist, unsere Neugier zu befriedigen. Bei den Hügeln handelt es sich um Aushubkegel einer sogenannten Qanat-Kette (auch Foggara, Faladsch oder Khettara genannt – je nach Region/Land, wo sie vorkommen). Qanat ist eine uralte, traditionelle Form der Frischwasserförderung in Wüstengebieten. Mir war dieses Bewässerungssystem bereits aus dem Iran bekannt, ich hatte es bisher jedoch noch nie in Marokko gesehen.

Die ersten Qanate wurden von den Persern vor ca. 3000 Jahren gebaut. Mit der islamischen Expansion brachten die Araber das System im 8. Jahrhundert bis nach Nordafrika und Südspanien! Qanat-Systeme werden seit jeher verwendet, um Wüstengebiete mit Frischwasser aus Bergregionen zu versorgen.

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Qanat – traditionelles Bewässerungssystem in Wüstengebieten

Um das Schmelzwasser aus den Bergregionen beziehen zu können, werden kilometerlange, unterirdische Kanäle angelegt. Am Rande eines Gebirges wird das Grundwasser angezapft (Mutterbrunnen) und dann durch den Tunnel geleitet. Dabei verläuft der Tunnel vom Mutterbrunnen über die vielen Schächte zum Qanat-Austritt in einem leichten Gefälle.

Die Hügel, die wir sehen, sind die Aushubkegel der in geringem Abstand voneinander angelegten Schächte. Diese Schächte haben weitere Funktionen. Sie erleichtern die Wartungsarbeiten am Tunnel, der regelmäßig von Schlamm und Sand gereinigt werden muss. Außerdem sorgen die Schächte für den nötigen Druckausgleich im Tunnel.

Unser netter Begleiter erklärt uns, dass jeweils ein Stamm für die Wartung einer Qanat-Kette zuständig sei. So sei er hier als Stammesmitglied für die Instandhaltung des Tunnels mitverantwortlich. Ihre Kette hier ist 15 Kilometer lang und bedeutet für ihn und seine Stammesmitglieder viel harte, aber lebensnotwendige Arbeit.

Dann fragt er uns, ob wir ihn in einen Schacht hinunter begleiten wollen. Wir sind sofort dabei und steigen mit ihm eine lange Treppe in die Tiefe hinab.

 

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Im unterirdischen Kanal einer Qanat-Kette – spannend!

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Wir gehen durch den dunklen Schacht. Dabei wird uns klar, wie viel Arbeit die Wartung des Tunnels für die Leute hier mit sich bringt. UND die Lebensnotwendigkeit und Wertigkeit von Trinkwasser kommt mir einmal mehr ins Bewusstsein. Wir Europäer, die nur den Wasserhahn aufdrehen müssen, vergessen das immer wieder: Ohne Wasser kein Leben! Wasser ist so ein hohes Gut und die Menschen hier müssen schwer dafür arbeiten, Trinkwasser und Wasser für die Felder zu bekommen.

Wir bedanken uns ganz herzlich für die Gastfreundschaft und die Erklärungen. Und setzen unseren Weg fort.  In einem Straßenrestaurant finden wir dann diese Karte, auf der man unsere Fahrtstrecke nachvollziehen kann:

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Unser Weg führt uns heute von Tinghir nach Erfoud

Mehr Fotos von unserem Road-Trip gibt es hier:

https://www.facebook.com/caroline.ouederrou/media_set?set=a.10207015899328797.1019165353&type=3

Viel Spaß beim Lesen und Träumen und Traumreisen!

Bslama!

 



Ahmad Alnajjar – das hilfsbereite Sprachtalent

Nicht erst seit der Flüchtlingskrise sind Ausländer, Migranten, Flüchtlinge  Thema in Medien und Diskussionen, öffentlich, privat, überall. Hinter diesen „Kategorien“ stecken Menschen, die einen Namen, ein Gesicht, ein Herz, eine Geschichte haben. Und genau das möchte ich einigen von ihnen geben: einen Namen, ein Gesicht, eine Geschichte und Aufmerksamkeit.

Durch meine Arbeit als DaF-Trainerin (Deutsch als Fremdsprache) und ÖSD-Prüferin (Österreichisches Sprachdiplom) bin ich in den letzten Jahren sehr vielen Menschen aus den unterschiedlichsten  Ländern der Welt begegnet. Jeder hat seine eigene, faszinierende Geschichte. Einige möchte ich hier in meiner Reihe „Portäts: MenschenGesichterGeschichten“ vorstellen.

 

Ahmad Alnajjar

Alter: 30 Jahre

Heimatland: Palästina

in Österreich seit: 13.12.2011

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Ahmad – das hilfsbereite Sprachtalent

Ahmad lernte ich vor circa eineinhalb Jahren kennen, als er bei mir in der mündlichen Prüfung für das Österreichische Sprachdiplom B2 saß. Ich war tief beeindruckt von seinem Sprachniveau. Nach so kurzer Zeit hier sprach er fast akzentfrei Deutsch. Ein Prüfungsgespräch dauert normalerweise 15-20 Minuten. Nach 26 Minuten machte mich meine Kollegin darauf aufmerksam, dass ich endlich aufhören müsse. Das Gespräch war einfach zu interessant und spannend. Ahmad war ein Mensch, über den ich einfach mehr wissen wollte. So setzten wir unsere Gespräche außerhalb der Prüfungsräume fort.

Geboren und aufgewachsen ist Ahmad als einer von 5 Söhnen in Abu Dhabi. Dort hatte er eine unbeschwerte und schöne Kindheit und Jugend. Sein Vater arbeitete in der HR-Abteilung im Wirtschaftsministerium. Der Familie fehlte es an nichts. Ahmad liebt das Leben am Meer. Eine seiner Leidenschaften war und ist Schwimmen.

2004 kam dann der Tag, der das Leben der ganzen Familie veränderte. Der Familienvater beschloss quasi von heute auf morgen zurück in die Heimat, nach Palästina, zu gehen. Für die 5 Kinder war das ein großer Schock. Zwar waren sie immer wieder für längere Ferienaufenthalte in Palästina gewesen, aber bis dato hatten sie keine emotionale Bindung an das Heimatland ihrer Eltern. Diskussionen waren jedoch nicht denkbar. Also übersiedelte die Familie nach Ghaza, wo der Vater in den vergangenen Jahren schon ein Haus gebaut hatte.

Diese Übersiedlung war eine Zäsur in Ahmads Leben. „Nun hatte ich eine richtige Heimat, nun wusste ich, was das Wort Heimat bedeutet.“ Ahmad entwickelte in den folgenden Jahren eine große emotionale Bindung an das Land seiner Familie. Er begann sich mit dem Land, der Kultur und der Geschichte zu identifizieren.

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„Nun hatte ich eine richtige Heimat. Nun wusste ich, was Heimat bedeutet.“ Foto von Ario Omidvar

Ahmad studierte in den kommenden Jahren an der „Al-Azhar-Universität Ghaza“ Englische und Französische Literatur und schloss 2009 mit dem Bachelor ab. Neben seinem Studium engagierte es sich all die Jahre in Friedensbewegungen. Doch durch seine aktive Teilnahme in einer  Organisation, die sich aus palästinensischen und israelischen Friedensaktivist_innen zusammensetzte, bekam er Probleme mit einer islamistischen Partei in Ghaza und musste das Land verlassen.

Im Dezember 2011 kam er mit seinem Cousin dann nach Österreich. Sie hatten gehört, dass es in Österreich noch nicht so viele Araber gab und sie deshalb vielleicht bessere Chancen haben würden als in Deutschland oder Belgien.

Seit eineinhalb Jahren arbeitet Ahmad im „Wien Museum“ als Aufseher. Doch das genügt ihm nicht. Das „Wien Museum“ bietet seit Kurzem kostenlose Führungen für Flüchtlinge an. Ahmad leitet diese Führungen in arabischer Sprache, unentgeltlich. Und auch sonst ist Ahmad immer zur Stelle, wenn jemand in seinem Umfeld Hilfe braucht, zum Beispiel als Übersetzer bei einem Spitalaufenthalt oder bei Behördengängen. Als ich ihn frage, wie er sich selbst mit einem einzigen Wort beschreiben würde, kommt nach langem Überlegen: hilfsbereit. Anderen zu helfen ist für ihn eine religiöse Verpflichtung. Aus Dankbarkeit dafür, was Gott ihm geschenkt hat und immer wieder schenkt, möchte er so gut er kann, anderen Menschen helfen.

Ich frage Ahmad nach seinen Träumen. „Ich möchte etwas machen, zum Beispiel Geige spielen oder backen und kochen, mit dem ich ein positives Bild meiner Heimat Palästina transportieren kann. Ich möchte in irgendeiner Weise mein Land repräsentieren.“ Seit Ahmad hier in Wien ist lernt er Geige spielen und er ist ein leidenschaftlicher Koch und kreiert die tollsten Torten- und Cupcake-Variationen. Vielleicht kann er in Zukunft seinen Traum verwirklichen und ein kleines Café oder Restaurant eröffnen, in dem er Spezialitäten aus seiner Heimat und Eigenkreationen servieren kann. Ein Stammgast wäre ihm jedenfalls schon sicher!

Einige von Ahmads Cupcake-Kreationen
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Er kreiert auch gerne Torten

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auf meine Frage, was er hier am meisten vermisst, antwortet Ahmad mit strahlenden Augen: „Das Meer! Ohne das Meer kann ich nicht leben!“ In Zukunft möchte er die österreichische Staatsbürgerschaft beantragen. Dann wäre es für ihn auch wieder einfacher zu reisen. Nur seine Heimat, Palästina, wird er weiterhin nur in Gedanken, im Traum, bereisen können.

„Ich bin jemand, der nie aufgibt!“ Das glaube ich ihm aufs Wort. Ahmad ist ein Sonnenkind und ich bin davon überzeugt, dass er seinen Weg gehen wird. Ich wünsche es ihm jedenfalls von Herzen!

 



Gnawa – die Rhythmuszauberer

Als wir Merzouga und die Wüste verlassen, schlägt mir mein Begleiter Rachid vor: „Wir könnten noch die Gnawa-Musiker in Khamlia besuchen?!“ Ich bin begeistert! Ich kenne und liebe Gnawa-Musik, wusste jedoch nicht, dass die Musiker hier in der Gegend ansässig und zu finden sind UND, dass man sie besuchen kann!

Der Weg führt uns circa 10 Kilometer an Merzouga vorbei weiter in Richtung Südosten und schon sind wir in Khamlia. Das ist ein ganz kleiner Wüstenort im Schatten der großen, berühmten Erg Chebbi Düne. Alleine für diesen Anblick hätte sich die Fahrt hierher schon gelohnt! Ungefähr in der Mitte des Ortes sehen wir dann am Straßenrand das Schild: „Dar Gnawa“.

 

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Ankunft in „Dar Gnawa“ in Khamlia

Der Eintritt in „Dar Gnawa“ ist wie das Betreten eines kleinen Paradieses. Das Gnawa-Haus ist eine kleine Oase der Ruhe, des Friedens, der Farben und der Töne. Ich spüre eine besondere Energie und fühle mich sofort wohl dort. Wir setzen uns im Innenhof in den Schatten eines Olivenbaumes und Hamad Mahjoubi, der Leiter des Hauses, erzählt uns bei einem Tee ein bisschen über Khamlia und Gnawa.

Die Einwohnerschaft Khamlias setzt sich aus Berbern, Arabern und Mitgliedern verschiedener Stämme mit sub-saharischen Wurzeln zusammen. Letztere sind alles Nachfahren von Sklaven, die ursprünglich aus dem westlichen subsaharischen Afrika stammten. Einer dieser Stämme sind die „Bambara“. Und die werden auch „Gnawa“ genannt.

Die Bezeichnung „Gnawa“ stammt von dem Wort „Guinea“ ab und bezieht sich auf das Gebiet der heutigen westafrikanischen Staaten Mauretanien, Senegal, Niger und Mali. Im 11. Jahrhundert begann die Verschleppung Gefangener aus diesem Gebiet, die zur Sklavenarbeit auf Zuckerrohrplantagen nach Marokko gebracht wurden. Sie brachten ihre Musik mit und tradierten sie über Generationen.

Seither werden hierzulande unterschiedlichen Arten von Gnawa-Musik gespielt. Hier in Khamlia spielen die Bambara eine besondere und mittlerweile sogar weltweit bekannte und berühmte Art der Gnawa-Musik. Diese Musik ist sehr rhythmusbetont. Die verwendeten Instrumente sind folgende:

  • die 3-saitige Laute  „guembri“ oder „hajhouj“
  • Metallkastagnetten „qraqeb“
  • Trommeln „ganga“

 

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die typischen Gnawa-Instrumente: Metallkastagnetten und Guembri
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eine Gnawa-Trommel mit buntem Dekor

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Gesang ist eine sprachliche Melange aus den 3 Sprachen Arabisch, Berber und Bambara. Die Musik spielt eine sehr große Rolle im Alltag der Bambara. So nutzen sie zum Beispiel den Einsatz der Musik um Krankheiten zu heilen. Geübten Musikern gelingt es, sich durch die Musik in Trance zu versetzen. So erzählt es uns Hamid, beobachten können wir dies selbst bei unserem Besuch leider nicht.

Hier im Gnawa-Haus laufen auch einige Kinder herum. Sie werden schon früh in die Welt der Gnawa-Musik eingeführt, um die Traditionen zu bewahren. Jeder Besucher bekommt in „Dar Gnawa“ eine Darbietung ihrer tollen, einzigartigen und mitreißenden Musik zu sehen. Man kann dort auch Mittagessen. Am besten wäre es , denke ich mir, wenn man hier auch noch übernachten könnte, denn es ist wirklich ein kleines Paradies. Wir fühlen uns sehr wohl und willkommen hier!

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Gnawa-Musiker bei einer Darbietung mit Gesang und Tanz
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Gnawa-Musiker in traditioneller Besetzung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wer mehr über „Dar Gnawa“, die Bambaras und ihre Musik erfahren möchte, kann auf ihre Homepage gehen (die momentan aber noch in Arbeit ist):

http://www.khamlia.com/

Auf meiner Facebook-Seite könnt ihr euch eine musikalische Kostprobe anhören:

https://www.facebook.com/caroline.ouederrou/videos/vb.1019165353/10206995628422037/?type=2&theater

Und auf meiner Facebook-Seite gibt es auch Fotos mit Eindrücken unseres Besuchs in „Dar Gnawa“:

https://www.facebook.com/caroline.ouederrou/media_set?set=a.10206996518724294.1073741928.1019165353&type=3

 

Ich hoffe sehr, dass ich auf einer meiner nächsten Marokko-Reisen noch einmal die Gelegenheit haben werde, „Dar Gnawa“ zu besuchen. Man hat dort die Gelegenheit, wie ich finde, etwas Einmaliges zu erleben und zu spüren. Ein Besuch dort ist absolut empfehlenswert!

 

 

 



Moulham Obid – der „verrückte“ Künstler

Nicht erst seit der Flüchtlingskrise sind Ausländer, Migranten, Flüchtlinge  Thema in Medien und Diskussionen, öffentlich, privat, überall. Hinter diesen „Kategorien“ stecken Menschen, die einen Namen, ein Gesicht, ein Herz, eine Geschichte haben. Und genau das möchte ich einigen von ihnen geben: einen Namen, ein Gesicht, eine Geschichte und Aufmerksamkeit.

Durch meine Arbeit als DaF-Trainerin (Deutsch als Fremdsprache) und ÖSD-Prüferin (Österreichisches Sprachdiplom) bin ich in den letzten Jahren sehr vielen Menschen aus den unterschiedlichsten  Ländern der Welt begegnet. Jeder hat seine eigene, faszinierende Geschichte. Einige möchte ich hier in meiner Reihe „Portäts: MenschenGesichterGeschichten“ vorstellen.

 

Moulham

 

Name: Moulham Obid

Alter: 25

Heimatland: Syrien

in Österreich seit: 22. Dezember 2013

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Moulham Obid – Maler und Modedesigner

 

Durch Zufall lernte ich Moulham vor circa einem Jahr kennen, weil ich einen Kollegen in seiner Gruppe vertrat. Es gibt Menschen, die man sofort ins Herz schließt. So ein Herzensmensch ist Moulham.

Moulham wusste schon sehr früh, dass er Künstler werden wollte. Obwohl seinen Eltern klar war, dass dies kein Karriereberuf wie zum Beispiel Arzt oder Unternehmer ist, erfüllten sie ihm seinen größten Wunsch. In Aleppo absolvierte er den Studiengang „Fine Arts“ und schloss ihn mit einem Bachelor of Arts ab. Und dann kam die Nacht, die Moulhams Leben drastisch veränderte.

Er war mit einer Freundin im Auto auf dem Nachhauseweg von der Uni als sie in eine Kontrolle von Leuten der dschihadistischen Al-Nusra-Front gerieten. Moulham hatte einige seiner Zeichnungen und Gemälde im Auto, darunter auch Aktmalereien. Die Fundamentalisten wollten ihn sofort mitnehmen, einer von ihnen wollte ihn  auf der Stelle erschießen, da sie glaubten, er sei Alawit (die Al-Nusra-Front hat sich zum Ziel gemacht u.a. die alawitische Minderheit in Syrien zu vertreiben). Der Name seines Vaters rettete ihn, da dieser ihn klar als Sunnit auswies. So ließen sie ihn laufen…Seinen Eltern war jedoch sofort klar, was dieser Zwischenfall für Moulham bedeutete. Sie beschlossen noch in derselben Nacht, dass er das Land so schnell wie möglich verlassen muss.

Das Verlassen seiner Heimat war ohnehin schon ein Thema in der Familie. Moulham hatte sein Studium abgeschlossen, was heißt, dass er nun den Militärdienst hätte antreten müssen. Und das hätte damals wie heute den sicheren Tod bedeutet. Also schien eine Flucht sowieso unumgänglich, darin war sich die ganze Familie einig.

Seine erste Station war Dubai, wo er jedoch nur 3 Wochen blieb. Von dort aus ging es weiter in den Libanon. Der Anfang war schwer, weil er niemanden kannte, es gab niemanden, der sich um ihn kümmerte. Dennoch ging er weiter auf seinem Weg, belegte einen Kurs in Grafikdesign, hatte sogar seine erste Ausstellung.

Im Dezember 2013 lud ihn ein Freund, der in Wien lebt, ein, ihn zu besuchen. Mit einem schwer erkämpftenTouristenvisum flog er dann nach Österreich, ohne die Absicht zu bleiben. Das änderte sich bald nach Moulhams Ankunft in Wien. „Überall ist Kunst – ich möchte hier bleiben!“, waren seine begeisterten Worte. Wien – hier war auch Gustav Klimt zu Hause und ist allzeit und überall präsent. Moulham arbeitete in seiner Abschlussarbeit für den Bachelor of Arts über eben Klimt. Es war, wie er sagt, „ein rein österreichisches Projekt“, Illustrationen zu Robert Schneiders Roman „Schlafes Bruder“ im Stil von Klimt. Dieses Wien muss ihm wie eine Verheißung erschienen sein! Also entschied er, zu bleiben. Schon nach 3 Monaten bekam er einen positiven Bescheid auf seinen Asylantrag.

Moulham bei der Arbeit
Moulham bei der Arbeit

Auch für ihn begann nun der lange, beschwerliche Weg des wirklich hier Ankommens mit dem Erlernen der deutschen Sprache. Zum Glück, denn sonst wären wir uns wahrscheinlich nicht über den Weg gelaufen!

Nach 3 Deutschkursen begann er dann im September 2015 an der Mode-und Kunstschule Herbststraße mit der Ausbildung zum Modedesigner. Und es läuft gut. Erst letzten Monat hatte er seine erste Ausstellung mit Bildern in Wien, eine Gemeinschaftsausstellung mit anderen Künstlern unter dem Titel „Art After Dark“. Und einer seiner Kleiderentwürfe wurde für ein Projekt der thailändischen Botschaft ausgewählt. Bei diesem Wettbewerb wurden aus 74 Einreichungen 24 Entwürfe ausgewählt. Moulhams Kleid wird bei der nächsten Vienna Fashion Week im September gezeigt werden!

Ich habe Moulham nach seinen Träumen gefragt. Seine Antwort:“RUHE …Ruhe um zu arbeiten, zu wohnen, mit Freunden zusammen zu sein.“ Er meint damit ein Leben ohne Probleme und Stress, wovon es leider momentan noch zu viel in seinem Leben gibt, zum Beispiel Rassismus bei der Wohnungssuche, der finanzielle Kampf ums Überleben und einiges mehr.

Was er hier vermisst? „Nichts außer meine engsten Freunde. Ich konnte nie der sein, der ich wirklich bin. Immer musste ich eine Maske tragen, außer wenn ich mit meinen Freunden zusammen war. Die waren genauso verrückt wie ich!“ Lachen und Wehmut und Sehnsucht sprechen gleichzeitig aus Moulhams Blick. Denn diese Heimat ist verschwunden und wird  nie mehr wiederkehren. Seine Freunde sind quer über den Erdball verstreut.

Ich bitte Moulham um die schwierige Aufgabe, sich selbst nur  mit einem Wort zu beschreiben. Die Antwort kommt ohne Nachdenken, wie aus der Pistole geschossen: VERRÜCKT! Wir lachen beide. Ich denke, dass man ein bisschen Verrücktheit braucht, um den Wahnsinn in unserer Welt ertragen zu können.

Moulham ist jedenfalls ein äußerst liebenswürdiger, verrückter, junger Künstler, der seinen Traum verfolgt und nicht aufgibt. Ich bin jedenfalls froh, ihn zu kennen und wünsche ihm alles erdenklich Gute – und Ruhe!

 

Wer den jungen Künstler und seine Bilder kennen lernen möchte, kann seine Facebook-Seite besuchen. Die Bilder können auch gekauft werden.

https://www.facebook.com/Moulham-obid-Art-103529899789713/?fref=ts

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Eine Auswahl von Moulhams Arbeiten

 

 




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