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Caroline Ouederrou

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Marokko

Mein gelebter Traum – eine Zwischenbilanz

Vor Kurzem fragte mich einer meiner lieben Studenten: “ Lehrerin, was haben Sie auf all den Reisen gelernt? Was ist die wichtigste Erkenntnis? Können Sie das in 3 Worten zusammenfassen?“

Ich musste nicht lange überlegen, um eine klare Antwort geben zu können. Mit 3 Worten war es jedoch nicht möglich. Dieses Gespräch regte mich dazu an, meine Gedanken niederzuschreiben.

 

Erkenntnis Nummer 1: Man kann überall auf der Welt glücklich sein und sich zu Hause fühlen, wenn man Auge, Ohr und Herz immer offen lässt. Wenn man das Fensterl zum Herzerl offen lässt, fliegt das Glück auch hinein! 

Mir wurde immer wieder im Laufe der letzten Jahre – manchmal anklagend – die Frage gestellt, wovor ich denn davonlaufe. Es sei schließlich nicht „normal“ , dass ich wie eine Nomadin von einem Land ins andere ziehe. Warum soll dieses Nomadenleben nicht „normal“ sein? Was spricht dagegen? Woher kommt dieses negative Denken, ich würde vor etwas davon- statt auf etwas hinzulaufen? Habe ich mich dann immer wieder gefragt.

Ich weiß, dass man überall zu Hause sein kann, wenn man bei sich selbst zu Hause ist. Bei mir zu Hause sein, bedeutet für mich, dass ich frei bin, frei, mein Leben so zu gestalten, wie ich es möchte. Das bezieht sich nicht nur auf die räumliche oder die Arbeitssituation. Ich meine damit vor allem die innere Freiheit. Diese erlangt man durch aufstellen eigener Lebensprinzipien, über die man sich klar werden und sie dann auch verfolgen muss. Ich habe meine Lebensprinzipien, die da heißen: glücklich sein, mit einem offenen Herzen durchs Leben und auf alle Menschen zugehen, niemanden hassen, negative Gedanken möglichst vermeiden UND immer lachen und lieben!

Diesen Prinzipien folgend finde ich immer und überall offene Türen und Herzen und dann fühle ich mich wohl.

Zwar existiert für mich auch ein Heimatbegriff. Er ist für mich verbunden, mit dem Ort, an dem ich geboren und aufgewachsen bin, mit den lieben Menschen, Familie und Freunden dort, mit Erinnerungen, Bildern und Emotionen. Aber das Konzept „Heimweh“ liegt mir fern. Heimweh verspürte ich bisher bei meinen Auslandsaufenthalten wirklich noch nie. Warum Schmerzen empfinden, wenn man etwas Schönes im Herzen trägt? Ich freue mich, dass ich sie habe, die Heimat. Also empfinde ich Freude und Dankbarkeit und keinen Schmerz.

Warum Schmerzen empfinden, wenn man etwas Schönes im Herzen trägt?

 

Erkenntnis 2: Alle Menschen sind gleich

Ich habe nie Berührungsängste, wenn ich Menschen, egal welcher Herkunft, Religion, Kultur oder sonst was begegne. Deshalb kommt es auch immer wieder zu wunderschönen, unvergesslichen und oft auch unerwarteten Begegnungen, die mein Leben reicher und schöner und einzigartiger machen.

Ein lieber Freund sagte vor einiger Zeit zu mir: “ Caroline, du bist der gelebte Humanismus.“ Das war eines der schönsten Komplimente, die ich jemals bekommen habe. Ich werde es immer im Herzen tragen.

Gerade bei dieser zweiten Erkenntnis möchte ich einen Gedanken anfügen: Ich finde es wichtig, seine eigenen Überzeugungen immer wieder selbst auf die Probe zu stellen. Es ist ein Leichtes zu sagen: „Alle Menschen sind für mich gleich, ich begegne jedem auf Augenhöhe“. Es dann zu überprüfen, ob und wie man diesen Grundsatz wirklich lebt  und sich selbst zu beweisen, dass man es tatsächlich tut,  ist etwas Anderes. Und das waren für mich entscheidende Lebensmomente. Nicht nur in Worthülsen zu leben, sondern in gelebten Überzeugungen. Sicher auch ein Grund für meine grundsätzliche Lebenszufriedenheit.

Ich habe nie Berührungsängste, wenn ich Menschen, egal welcher Herkunft, Religion, Kultur oder sonst was begegne.

 

Erkenntnis 3: Auf Reisen lernt man Dinge, die man in Büchern nicht lesen kann

„Menschen machen keine Reisen – Reisen machen Menschen.“ Diese Aussage von John Steinbeck hat mich immer begleitet.

Bei meinem jetzigen Aufenthalt in Marokko habe ich mir immer mal wieder die Zeit zur Selbstreflexion genommen. Mir ist aufgefallen, dass sich in den letzten Jahren durch das Reisen einige wesentliche Dinge meiner Persönlichkeit tatsächlich verändert haben. Einige Einstellungen zum Leben haben sich gedreht.

Vor allem relativiert sich vieles. Grenzen verwischen immer mehr, weil man überall auf der Welt Parallelen und Ähnlichkeiten entdeckt. In manchen Dingen bleiben die Unterschiede jedoch auch klar und konstant oder bestärken sich auch. Man wird sich selbst klar über die genauen Umrisse seiner Persönlichkeit.

Zum einem sind es banale, äußerlich wahrnehmbare Veränderungen, wie zum Beispiel mein Kleidungsstil. Ich fühle mich in Kleidern, die ich vor Jahren getragen habe, nicht mehr wohl, habe meinen Kleidungsstil den Ländern, in denen ich lebte und lebe angepasst. Und ich finde, es ist stimmig.

Zum anderen sind es tiefer liegende Veränderungen, die mein Wesen betreffen. Dabei hatten die Aufenthalte im buddhistischen Ladakh mit Sicherheit den größten Einfluss auf mich. So kann ich einige Erfolge bzw. Fortschritte in meiner Persönlichkeitsentwicklung verzeichnen: Materielle Dinge verlieren zunehmend an Bedeutung; ich kann das Konzept des Mitgefühls immer mehr in mein Leben integrieren und negative Gedanken und Gefühle besser und häufiger vermeiden; ich möchte keine Menschen mehr hassen und bin viel ruhiger und sanftmütiger geworden; meine Einstellungen in Bezug auf Partnerschaften und Beziehungen haben sich auch verändert.

„Menschen machen keine Reisen – Reisen machen Menschen.“

 

Diese Erkenntnisse sind aber keine wirklichen Erkenntnisse. Vielmehr sind es Einsichten, die ich vorher schon hatte und die sich durch das Reisen nur bestätigt bzw. bestärkt haben.

Zum Schluss noch ein Gedanke zu meinem Lebenskonzept:

Ich bekomme immer mal wieder Zuschriften von Leuten, die mich und meine Art zu leben, meinen Traum zu leben, bewundern. Das sind oft Menschen, die mit ihrem Leben unzufrieden sind und davon träumen „auszubrechen“. Dieses bewundernde Hochschauen verursacht bei mir immer ein unangenehmes Gefühl. Denn es ist so einfach:

Es gehört nicht viel Mut dazu, seinen Traum zu leben. Ich hatte jedenfalls zu keiner Zeit das Gefühl, dass ich besonders mutig oder waghalsig bin. Es ist pure Neugier, die mich immer angetrieben hat. Neugier auf das volle Leben, auf die Menschen und die Natur. Man braucht nur Neugier und ja, auch Selbstvertrauen – das habe ich Gott sei Dank!

Ich denke, dass jeder seinen ganz eigenen Weg gehen kann, wenn er sich von den Einflüssen seiner Umgebung frei macht und wirklich in sich hineinhört, um zu erkennen, was ihn selbst glücklich macht bzw. glücklich machen könnte.

„Frei sein“ heißt für mich, sich selbst keine Grenzen zu setzen, weder im Denken noch im Fühlen. Und der Horizont lässt sich immer erweitern. Da hilft das Reisen ganz besonders dabei!

Also los! Lebt euren Traum – es gibt nichts Schöneres!

 



Stefanie „Itto“ Tapal-Mouzoun – der erblühende Engel

Heute gibt es in meiner Porträtreihe einmal ein Porträt andersherum: Ich stelle euch jemanden vor, der aus Deutschland weggegangen ist, um in der Ferne Gefühlen und Visionen zu folgen. Es ist die Geschichte einer gelungenen Integration, die durch Glaube, Liebe und innere Stärke gelang. Und es ist eine Geschichte über die Verwirklichung des großen Traumes, etwas für sich selbst und für die Gemeinschaft zu tun, basierend auf der Erkenntnis, dass es einem besser geht, wenn es auch anderen gut geht. Solche Geschichten brauchen wir in diesen Zeiten.

 

Stefanie „Itto“ Tapal-Mouzoun

Alter: 38

Heimatland: Deutschland

in Marokko seit: 2004

 

Die immer lächelnde Itto im schönen Ait Bouguemez Tal im Hohen Atlas

 

Als ich Itto im Februar dieses Jahres in Marrakesch zum ersten Mal persönlich begegnete, dachte ich mir sofort: Diese Frau ist ein Engel! Sie hat so ein herzliches und einnehmendes Wesen. Und sie strahlt all das aus, was mir selbst auch wichtig ist: Liebe, Menschlichkeit, innere Ruhe und Zuversicht. Man mag sie einfach nur umarmen. Im Oktober besuchte ich sie und ihre Familie zuhause im Ait Bouguemez Tal im Hohen Atlas, wo sie  seit 12 Jahren leben.

Auf die Frage, warum sie ihre Heimat verlassen habe, antwortet Itto: „aus Liebe zu meinem Mann, zum Land und zur Religion.“ Allein die Reihenfolge ihrer Liebeseingeständnisse und -erklärungen ist etwas anders, als man es erwartet hätte.

Im Jahr 2002 kam Itto im Rahmen eines Studienpraktikums zum ersten Mal nach Marokko. Sie studierte damals an der FH Stuttgart Innenarchitektur und hatte die Möglichkeit, ein halbes Jahr nach Marrakesch zu gehen. Sie verliebte sich sofort in das Land und hatte genug Zeit, mit Land und Leuten etwas vertraut zu werden. Durch die Zusammenarbeit mit den muslimischen Kollegen vor Ort kam sie in den ersten Kontakt mit dem Islam.

Lächelnd, fast beschämend, erzählt Itto, welch mulmiges Gefühl sie hatte, als sie zum ersten Mal den Koran in deutscher Übersetzung in ihren Händen hielt. Bis dato war sie gläubige, praktizierende Protestantin und wollte ursprünglich sogar Theologie studieren. Der Kontakt mit diesem ihr noch fremden heiligen Buch war ein mutiger Schritt für sie. Zumal sie auch nicht ganz frei von den Ressentiments war, die im Westen gegenüber dem Islam herrschten.

„Allah hat mich zum Islam geführt. Er ist für mich die Fortführung des Christentums.“ Itto ließ sich mit offenem Herzen auf das Neue ein und fand darin ihr Heil. Die Religion habe sie schon immer getragen, sagt Itto. Im Islam werde für sie weitergeführt, was sie schon kannte, ihre Liebe und ihr Vertrauen zu Gott gestärkt und es würden ihr Fragen beantwortet, auf die sie noch keine Antworten gehabt hatte. „Ich habe mich Gott voll anvertraut.“ Resultat dieser inneren Wandlung und Zuwendung war Ende des Jahres 2002 ihre Konversion zum Islam.

 

Itto und Haddou am Anfang ihres gemeinsamen Weges

 

Während ihres ersten Aufenthalts in Marokko lernte sie auch ihren späteren Ehemann Haddou Mouzoun kennen. Er arbeitete damals als Reiseleiter in der Stadt, wodurch die beiden in Kontakt kamen. Sie wollte sich diesem Mann nicht hingeben, ohne absolute innere Gewissheit und einen offiziellen äußeren Rahmen zu haben, sagt Itto lächelnd.  So verlobten sie sich Ende 2002 und im Frühjahr 2003 heirateten die beiden in Deutschland.

Nachdem Itto in Deutschland ihr Studium beendet hatte und das erste Kind zur Welt gekommen war, zog die kleine Familie im Sommer 2004 los, um in Haddous Heimat ihr Glück zu finden. Nach einem halben Jahr in Fes übersiedelten sie ins Ait Bouguemez Tal. Itto wollte das Leben, die Sprache und Kultur ihres Mannes und somit auch ihrer Familie kennen lernen. In den folgenden Jahren lernte sie die Berbersprache und integrierte sich mit viel Engagement und Interesse und ganz viel Herz in die familiäre und dörfliche Gemeinschaft. So wird in der Familie Mouzoun Berber und Deutsch gesprochen und berberische Traditionen werden gepflegt und gelebt.

Itto ist anerkanntes und geschätztes Mitglied der dörflichen Gemeinschaft und fühlt sich dort, in der Abgeschiedenheit des Tals ganz zu Hause, angekommen. Das sieht man und das spürt man.

In den ersten Jahren im Tal hatten Itto und Haddou eine kleine Reiseagentur und zeigten europäischen Touristen ihr wunderschönes Land. Mit der Zeit merkte Itto, dass dieser Beruf nicht wirklich ihre Berufung war. Ihr Interesse ging immer mehr in Richtung Pädagogik, mit der sie sich zunehmends beschäftigte. 2007 kam es dann zu einer Begegnung, die den Grundstein für die Verwirklichung von Ittos Visionen legte:

Veronika Müller-Mäder und Jürg Mäder, die Gründer und Leiter der „Scuola Vivante“ in der Schweiz, kamen im Zuge einer Bildungsreise mit einigen Schülern ins Ait Bouguemez Tal. „So eine Schule wie eure würd‘ ich mir für meine Kinder wünschen“, sagte Itto bei dieser Begegnung. Die Antwort der beiden Schweizer: „Warum gründet ihr nicht eine eigene Schule – wir helfen euch!“

 

Itto mit Kindern aus dem Tal in der Planungs- und Vorbereitungsphase der „école vivante“

 

So entstand und reifte die Idee einer Partnerschule. Itto und Haddou folgten gemeinsam der Vision, die Bildungsmöglichkeiten für die Kinder im Tal zu verbessern. Das Grundkonzept der Schule: „Kinder können werden, was sie im Grunde ihres Wesens sind.“ Die Kinder sollten fortan die Möglichkeit und den Raum bekommen, ihre Talente zu entdecken und zu entfalten, aber auch und ganz wichtig, marokkanische Heimatkunde lernen und alte Berbertraditionen pflegen. Das Hauptaugenmerk der Ausbildung soll auf der freien Entwicklungsmöglichkeit des einzelnen Schülers und der Förderung der Talente liegen.

Im September 2010 konnte der offizielle Unterrichtsbetrieb der freien Grundschule „école vivante“ aufgenommen werden, anfangs noch in den Räumen des Familienhauses, was eine harte Belastungsprobe für die mittlerweile 5-köpfige Familie war. Aufgrund der räumlich prekären Situation und der Tatsache, dass das Schulangebot im Tal von der Bevölkerung sehr gut angenommen wurde, zog die Familie nach 4 Jahren in ein angrenzendes Haus, um der Schule den nötigen Raum und ihnen selbst auch den räumlichen Abstand geben zu können.

Aber damit nicht genug, die Visionen und Ambitionen von Itto und Haddou gingen weiter: 2014 wurde mit dem Neubau für die Sekundarstufe begonnen, welcher Ende des Jahres fertig wurde und 2017 eingeweiht werden wird. In diesem neuen Schulgebäude werden die Realschulklassen mit Freizeitwerkstätten, Tüftellabor und Seminarräumen untergebracht sein.

Ohne die vielen helfenden Hände, Berater und Wegbegleiter, ohne die Vielzahl an Spenden, wären all diese realisierten Visionen niemals möglich gewesen. So wurde der Bau des neuen Schulgebäudes fast komplett von WELTWEITWANDERN finanziert. Dafür sind Itto und Haddou unendlich dankbar.

 

Itto und Haddou mit ihren 4 Kindern vor dem fast fertiggestellten neuen Schulgebäude im Oktober 2016

 

Ich frage Itto nach ihren Träumen. „Ich habe viele Riesenvisionen“, sagt und lacht sie wieder herzlich und frei. Der „campus vivante“ sei ihr gemeinsames Lebensprojekt. Diese Vision sei aus einem ursprünglichen Traum gewachsen: anderen ermöglichen zu erblühen, sich selbst treu zu bleiben und die Verbindung zur Natur, zu Gottes Schöpfung zu behalten. „Wir erblühen mit dem Projekt total und helfen vielen anderen zu erblühen.“

Als ich Itto bitte, sich selbst mit nur einem Wort zu beschreiben, sagt sie nach langem Überlegen: erblühen.

Und wahrlich, durch ihren unermüdlichen Einsatz und ihre nie versiegende Energie hat die Mutter von heute 4 Kindern gemeinsam mit ihrem Mann wirklich Großes vollbracht. Sie haben das Leben im Tal nachhaltig verändert und durch die besseren Ausbildungsmöglichkeiten den Lebensstandard der Bevölkerung erhöht.

Zum Schluss frage ich Itto, woher sie die Kraft für all das nehme. Sie lächelt und zeigt mit dem Finger nach oben. In diesem Moment denke ich, dass es völlig egal ist, welcher Religion man angehört. Wenn man sich nur darin zuhause fühlt und so viel Lebenskraft und Liebe daraus schöpfen kann.

Möge Gott ihr noch viel von beidem geben! Inshallah

Itto und ich vor dem Schulgebäude im Ait Bouguemez Tal

 

 

Wer mehr über das Schulprojekt im Hohen Atlas erfahren möchte: Hier geht es zur Homepage der école vivante:

http://www.ecolevivante.com/

 

Und auch auf der Seite des Vereins „Weltweitwandern wirkt“ kann man mehr über das Projekt erfahren und auch spenden:

http://www.weltweitwandernwirkt.org/

 

 

 

 

 

 

 

 



Qanat – قناة – Wasser für die Wüste

Unser Roadtrip geht weiter. Wir sind auf der Strecke zwischen Tinghir und Erfoud, das heißt, wir kommen immer näher an den Rand der Sahara. Das Herannahen der Wüste macht sich durch kleinere Sandanhäufungen, kleine Dünen am Straßenrand bemerkbar. Dann taucht plötzlich etwas Befremdliches in der Landschaft auf. Es sieht aus wie überdimensionale Maulwurfhügel. Dann erinnert es  mich auch an die Termitenhügel in West- und Ostafrika. Wir schauen uns fragend an. Was ist das? Und es werden immer mehr, scheinbar systematisch in die Landschaft gesetzt.

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Maulwurf- oder Termitenhügel? Wir sind ratlos…

Wir beschließen zu halten und dem Rätsel auf den Grund zu gehen. Zum Glück treffen wir sofort auf einen netten Berber, vom Stamm der Timarzite,  der so freundlich ist, unsere Neugier zu befriedigen. Bei den Hügeln handelt es sich um Aushubkegel einer sogenannten Qanat-Kette (auch Foggara, Faladsch oder Khettara genannt – je nach Region/Land, wo sie vorkommen). Qanat ist eine uralte, traditionelle Form der Frischwasserförderung in Wüstengebieten. Mir war dieses Bewässerungssystem bereits aus dem Iran bekannt, ich hatte es bisher jedoch noch nie in Marokko gesehen.

Die ersten Qanate wurden von den Persern vor ca. 3000 Jahren gebaut. Mit der islamischen Expansion brachten die Araber das System im 8. Jahrhundert bis nach Nordafrika und Südspanien! Qanat-Systeme werden seit jeher verwendet, um Wüstengebiete mit Frischwasser aus Bergregionen zu versorgen.

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Qanat – traditionelles Bewässerungssystem in Wüstengebieten

Um das Schmelzwasser aus den Bergregionen beziehen zu können, werden kilometerlange, unterirdische Kanäle angelegt. Am Rande eines Gebirges wird das Grundwasser angezapft (Mutterbrunnen) und dann durch den Tunnel geleitet. Dabei verläuft der Tunnel vom Mutterbrunnen über die vielen Schächte zum Qanat-Austritt in einem leichten Gefälle.

Die Hügel, die wir sehen, sind die Aushubkegel der in geringem Abstand voneinander angelegten Schächte. Diese Schächte haben weitere Funktionen. Sie erleichtern die Wartungsarbeiten am Tunnel, der regelmäßig von Schlamm und Sand gereinigt werden muss. Außerdem sorgen die Schächte für den nötigen Druckausgleich im Tunnel.

Unser netter Begleiter erklärt uns, dass jeweils ein Stamm für die Wartung einer Qanat-Kette zuständig sei. So sei er hier als Stammesmitglied für die Instandhaltung des Tunnels mitverantwortlich. Ihre Kette hier ist 15 Kilometer lang und bedeutet für ihn und seine Stammesmitglieder viel harte, aber lebensnotwendige Arbeit.

Dann fragt er uns, ob wir ihn in einen Schacht hinunter begleiten wollen. Wir sind sofort dabei und steigen mit ihm eine lange Treppe in die Tiefe hinab.

 

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Im unterirdischen Kanal einer Qanat-Kette – spannend!

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Wir gehen durch den dunklen Schacht. Dabei wird uns klar, wie viel Arbeit die Wartung des Tunnels für die Leute hier mit sich bringt. UND die Lebensnotwendigkeit und Wertigkeit von Trinkwasser kommt mir einmal mehr ins Bewusstsein. Wir Europäer, die nur den Wasserhahn aufdrehen müssen, vergessen das immer wieder: Ohne Wasser kein Leben! Wasser ist so ein hohes Gut und die Menschen hier müssen schwer dafür arbeiten, Trinkwasser und Wasser für die Felder zu bekommen.

Wir bedanken uns ganz herzlich für die Gastfreundschaft und die Erklärungen. Und setzen unseren Weg fort.  In einem Straßenrestaurant finden wir dann diese Karte, auf der man unsere Fahrtstrecke nachvollziehen kann:

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Unser Weg führt uns heute von Tinghir nach Erfoud

Mehr Fotos von unserem Road-Trip gibt es hier:

https://www.facebook.com/caroline.ouederrou/media_set?set=a.10207015899328797.1019165353&type=3

Viel Spaß beim Lesen und Träumen und Traumreisen!

Bslama!

 



Gnawa – die Rhythmuszauberer

Als wir Merzouga und die Wüste verlassen, schlägt mir mein Begleiter Rachid vor: „Wir könnten noch die Gnawa-Musiker in Khamlia besuchen?!“ Ich bin begeistert! Ich kenne und liebe Gnawa-Musik, wusste jedoch nicht, dass die Musiker hier in der Gegend ansässig und zu finden sind UND, dass man sie besuchen kann!

Der Weg führt uns circa 10 Kilometer an Merzouga vorbei weiter in Richtung Südosten und schon sind wir in Khamlia. Das ist ein ganz kleiner Wüstenort im Schatten der großen, berühmten Erg Chebbi Düne. Alleine für diesen Anblick hätte sich die Fahrt hierher schon gelohnt! Ungefähr in der Mitte des Ortes sehen wir dann am Straßenrand das Schild: „Dar Gnawa“.

 

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Ankunft in „Dar Gnawa“ in Khamlia

Der Eintritt in „Dar Gnawa“ ist wie das Betreten eines kleinen Paradieses. Das Gnawa-Haus ist eine kleine Oase der Ruhe, des Friedens, der Farben und der Töne. Ich spüre eine besondere Energie und fühle mich sofort wohl dort. Wir setzen uns im Innenhof in den Schatten eines Olivenbaumes und Hamad Mahjoubi, der Leiter des Hauses, erzählt uns bei einem Tee ein bisschen über Khamlia und Gnawa.

Die Einwohnerschaft Khamlias setzt sich aus Berbern, Arabern und Mitgliedern verschiedener Stämme mit sub-saharischen Wurzeln zusammen. Letztere sind alles Nachfahren von Sklaven, die ursprünglich aus dem westlichen subsaharischen Afrika stammten. Einer dieser Stämme sind die „Bambara“. Und die werden auch „Gnawa“ genannt.

Die Bezeichnung „Gnawa“ stammt von dem Wort „Guinea“ ab und bezieht sich auf das Gebiet der heutigen westafrikanischen Staaten Mauretanien, Senegal, Niger und Mali. Im 11. Jahrhundert begann die Verschleppung Gefangener aus diesem Gebiet, die zur Sklavenarbeit auf Zuckerrohrplantagen nach Marokko gebracht wurden. Sie brachten ihre Musik mit und tradierten sie über Generationen.

Seither werden hierzulande unterschiedlichen Arten von Gnawa-Musik gespielt. Hier in Khamlia spielen die Bambara eine besondere und mittlerweile sogar weltweit bekannte und berühmte Art der Gnawa-Musik. Diese Musik ist sehr rhythmusbetont. Die verwendeten Instrumente sind folgende:

  • die 3-saitige Laute  „guembri“ oder „hajhouj“
  • Metallkastagnetten „qraqeb“
  • Trommeln „ganga“

 

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die typischen Gnawa-Instrumente: Metallkastagnetten und Guembri
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eine Gnawa-Trommel mit buntem Dekor

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Gesang ist eine sprachliche Melange aus den 3 Sprachen Arabisch, Berber und Bambara. Die Musik spielt eine sehr große Rolle im Alltag der Bambara. So nutzen sie zum Beispiel den Einsatz der Musik um Krankheiten zu heilen. Geübten Musikern gelingt es, sich durch die Musik in Trance zu versetzen. So erzählt es uns Hamid, beobachten können wir dies selbst bei unserem Besuch leider nicht.

Hier im Gnawa-Haus laufen auch einige Kinder herum. Sie werden schon früh in die Welt der Gnawa-Musik eingeführt, um die Traditionen zu bewahren. Jeder Besucher bekommt in „Dar Gnawa“ eine Darbietung ihrer tollen, einzigartigen und mitreißenden Musik zu sehen. Man kann dort auch Mittagessen. Am besten wäre es , denke ich mir, wenn man hier auch noch übernachten könnte, denn es ist wirklich ein kleines Paradies. Wir fühlen uns sehr wohl und willkommen hier!

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Gnawa-Musiker bei einer Darbietung mit Gesang und Tanz
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Gnawa-Musiker in traditioneller Besetzung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wer mehr über „Dar Gnawa“, die Bambaras und ihre Musik erfahren möchte, kann auf ihre Homepage gehen (die momentan aber noch in Arbeit ist):

http://www.khamlia.com/

Auf meiner Facebook-Seite könnt ihr euch eine musikalische Kostprobe anhören:

https://www.facebook.com/caroline.ouederrou/videos/vb.1019165353/10206995628422037/?type=2&theater

Und auf meiner Facebook-Seite gibt es auch Fotos mit Eindrücken unseres Besuchs in „Dar Gnawa“:

https://www.facebook.com/caroline.ouederrou/media_set?set=a.10206996518724294.1073741928.1019165353&type=3

 

Ich hoffe sehr, dass ich auf einer meiner nächsten Marokko-Reisen noch einmal die Gelegenheit haben werde, „Dar Gnawa“ zu besuchen. Man hat dort die Gelegenheit, wie ich finde, etwas Einmaliges zu erleben und zu spüren. Ein Besuch dort ist absolut empfehlenswert!

 

 

 



Die Wüste – الصحراء – assahra‘

„Die Wüste ist der Garten Allahs, aus dem dieser alles überflüssige menschliche und tierische Leben entfernt hat, damit es einen Ort gebe, wo er in Frieden wandeln kann.“ (arabisches Sprichwort)

Wer in der Wüste wandelt, wird Frieden empfinden. Zumindest ist mir es so widerfahren.

Die Wüste - ein Platz, wo man in Frieden wandeln kann.
Die Wüste – ein Platz, wo man in Frieden wandeln kann.

 

Wir sind auf dem Weg nach Merzouga, einem kleinen Ort im Süden Marokkos. Dorthin, wo die Wüste, die Wüstenlandschaft Erg Chebbi beginnt. Es ist 14 Jahre her, dass ich zum letzten Mal hier war. Ich bin aufgeregt, voll freudiger Erwartung. Als wir ankommen, ist es bereits tiefste Nacht. Die Dünen, die gleich hinter unserem Nachtlager aufragen, kann ich nur erahnen. Am sternenübersäten Nachthimmel sind Umrisse erkennbar, mächtig, erhaben. Ich spüre einen leichten Schlauer, denn ich weiß, was sich hinter diesen Schatten verbirgt.

Kaum irgendwo sonst auf der Welt ist der Sternenhimmel so wunderschön, so klar, so leuchtend wie hier. Nicht abgelenkt von künstlichen Lichtquellen. Ich genieße den aufregenden Anblick, an Schlafen ist sowieso kaum zu denken. Die Vorfreude kribbelt in mir, wie Ameisen, die über den Körper laufen.

Sonnenaufgang in der Wüste - magisch, faszinierend, wunderschön!
Sonnenaufgang in der Wüste – magisch, faszinierend, wunderschön!

Kurz nach 6 machen wir uns auf den Weg in die Dünenlandschaft, um dort, auf dem Kamm irgendeiner Düne den faszinierenden Sonnenaufgang zu erleben. Es ist etwas mühsam im Sand zu gehen, aber die Vorfreude und Neugier treibt uns schnell weiter. Langsam werden die Konturen auch klarer. Wo ist der schönste Platz, um den Sonnenaufgang zu genießen? Noch eine Düne weiter, und weiter…Bis wir mit der Sonne angekommen sind. Ganz alleine, keine anderen (sichtbaren) Lebewesen außer uns, keinerlei Geräusche, absolut NICHTS! Nichts außer dem atemberaubenden, unvergesslichen, zu Tränen rührenden Anblick. Ich bin überwältigt, glücklich, unendlich dankbar!

 

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Ich bin ganz bei mir und hier und frei!

 

Das wirklich ganz Besondere an der Wüste ist diese mögliche absolute Geräuschlosigkeit, wie wir sie in diesem Augenblick erleben – kein Rauschen des Windes, kein Vogelgezwitscher oder ähnliches, absolute Stille. Zuerst irritiert es mich einen winzigen Moment, dann verspüre ich etwas Wunderbares: vollkommenen Frieden!

Ich bin ganz bei mir und hier und frei!

Für Momente wie diese lohnt sich der weite Weg allemal. Momente, die man nicht vergisst, die prägen und verändern. Das Herz und die Sinne öffnen sich ganz weit für das Wunder des Lebens!

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Das Herz und die Sinne öffnen sich ganz weit für die Wunder des Lebens!

Wer mehr von der Wüste sehen möchte – hier ist der Link zu meinem Facebook-Album:

https://www.facebook.com/caroline.ouederrou/media_set?set=a.10207000962955397.1019165353&type=3

Also, macht Herz und Augen für die Schönheiten des Lebens ganz weit auf! Viel Freude dabei!



Marokkanische Gastfreundschaft und Lebensfreude

Kaum nach Europa zurückgekehrt, werde ich von Negativschlagzeilen und -meldungen über „DIE Muslime, DIE Ausländer, DIE Araber…“ erschlagen. In den Medien und auf der Straße wimmelt es nur so von Pauschalisierungen, davon was „DIE Muslime, DIE Ausländer, DIE Araber…“ denken und tun, wie sie angeblich „ticken“. Dies bedrückt mich sehr und ich möchte dem etwas entgegensetzen – meine Erfahrungen, Gedanken und Gefühle. Deshalb beginne ich meinen Blog mit einer Reihe von Berichten über meinen Aufenthalt in Marokko. Unsere Zeit der Negativberichterstattung braucht dringend positiven Input!

Außerdem leiden viele Menschen sehr stark unter diesen Pauschalisierungen! Jeder, der sich pauschalisierend, diskriminierend oder diffamierend über eine Nation, Volksgruppe, Ethnie oder Religionsgemeinschaft äußert, sollte dazu verpflichtet werden, zu reisen und Menschen eben dieser Nation, Ethnie usw. kennen zu lernen und sich ein eigenes, umfassendes Bild zu machen. Es gibt überall auf der Welt schwarz UND weiß, ABER man muss dazu bereit sein, zu sehen!

 

Die letzten Wochen habe ich in Marokko verbracht. Ich war in meiner Tätigkeit als Empowerment-Beauftragte für Weltweitwandern dort und habe unsere Reiseleiter unterrichtet. Und viel von ihnen gelernt. Denn Reisen, im Ausland arbeiten und leben, ist für mich immer Austausch, voneinander lernen, schenken und beschenkt werden. Und ich habe mich dort sicher, geborgen und geliebt gefühlt. Das hat mehrere Gründe, 2 sind dafür ganz entscheidend.

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Im Kreise meiner marokkanischen Studenten – glücklich, geborgen, geliebt

 

 

Marokkanische Gastfreundschaft 

Mit meinem marokkanischen „Bruder“ (der Cousin meines Ex-Mannes) mache ich eine kleine Reise am Ende meines Aufenthaltes. Wir haben uns 14 Jahre nicht gesehen! Die Wiedersehensfreude ist RIESIG, wir sind uns vertraut, als wären die viele Jahre der Trennung nie gewesen. Zuerst fahren wir nach Ouazarzate, dort wohnt seine Schwester, mit Mann und 3 Kindern, die ich noch nie gesehen habe. Wir kommen gegen Mitternacht an, Rachid hat uns telefonisch kurz angekündigt. Auch Bouchra habe ich 14 Jahre nicht gesehen, ihren Mann und die Kinder kenne ich noch nicht.

Als wir ankommen, schlafen alle schon, aber Bouchra und ihr Mann räumen sofort das Ehebett und überlassen es dem späten Gast. Der Mann wird ins Kinderzimmer verbannt, Bouchra nistet sich auf der Couch ein. Diese Geste wirkt für mich nicht aufgesetzt, übertrieben oder unangemessen. Hier ist das so. Ich kann es annehmen und kuschele mich in die flauschigen Decken. Alhamdullilah!

 

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Wiedersehen und Kennenlernen – aufregend!

Es ist für mich exemplarischer Ausdruck für die marokkanische Gastfreundschaft. Diese wird wirklich überall gelebt und ich empfinde es nie als gespielt oder unehrlich. Deshalb fühle ich mich auch immer richtig wohl und wie zu Hause. Natürlich trägt auch die marokkanische Kulinarik sehr viel zum Wohlgefühl bei. Wer schon einmal das Glück hatte, in einer marokkanischen Familie bewirtet zu werden, wird jedes Restaurant meiden. Einer meiner Studenten meinte: „Marokko ist ein Schlaraffenland“. Das Land ist wirklich unendlich reich an Farben, Gerüchen, Geschmäckern und  Düften. Ein Fest für die Sinne!

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Frühstück im Schlaraffenland

 

 

Marokkanische Lebensfreude

Marokkaner haben zwei Charaktereigenschaften, die sie besonders auszeichnen: die schon beschriebene Gastfreundschaft und die Lebensfreude. Was verstehe ich unter dieser Lebensfreude? Beispiel: Wir machen an unserem freien Tag einen Ausflug ins Ourika-Tal. Ein Minibus, 7 Marokkaner und 3 Tamburine, das heißt Musik, Gesang und Lachen auf der ganzen Fahrt und auch bei jedem kleinen Zwischenstop,  von der ersten bis zur letzten Minute!  Diese positive Energie ist wirklich ansteckend und beglückend.

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Lebensfreude, die ansteckt und beglückt!

 

Narürlich haben auch Marokkaner ihre alltäglichen Probleme und mal einen schlechten Tag…aber ich habe bisher nie erlebt, dass wirklich schlechte Stimmung herrschte. Sie versuchen stets fröhlich zu sein und positive Stimmung zu verbreiten. Das Leben ist wertvoll und schön – genießen wir dankbar jeden Augenblick!

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Das Leben einfach genießen!

 

Eine akustische Kostprobe dieser Lebensfreude findet ihr hier auf meiner Facebook-Seite:

https://www.facebook.com/caroline.ouederrou/videos/vb.1019165353/10206877941799945/?type=3&theater

Schönen Tag! Bslama und bis zum nächsten Mal!




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