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Caroline Ouederrou

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Porträts: MenschenGesichterGeschichten

Stefanie „Itto“ Tapal-Mouzoun – der erblühende Engel

Heute gibt es in meiner Porträtreihe einmal ein Porträt andersherum: Ich stelle euch jemanden vor, der aus Deutschland weggegangen ist, um in der Ferne Gefühlen und Visionen zu folgen. Es ist die Geschichte einer gelungenen Integration, die durch Glaube, Liebe und innere Stärke gelang. Und es ist eine Geschichte über die Verwirklichung des großen Traumes, etwas für sich selbst und für die Gemeinschaft zu tun, basierend auf der Erkenntnis, dass es einem besser geht, wenn es auch anderen gut geht. Solche Geschichten brauchen wir in diesen Zeiten.

 

Stefanie „Itto“ Tapal-Mouzoun

Alter: 38

Heimatland: Deutschland

in Marokko seit: 2004

 

Die immer lächelnde Itto im schönen Ait Bouguemez Tal im Hohen Atlas

 

Als ich Itto im Februar dieses Jahres in Marrakesch zum ersten Mal persönlich begegnete, dachte ich mir sofort: Diese Frau ist ein Engel! Sie hat so ein herzliches und einnehmendes Wesen. Und sie strahlt all das aus, was mir selbst auch wichtig ist: Liebe, Menschlichkeit, innere Ruhe und Zuversicht. Man mag sie einfach nur umarmen. Im Oktober besuchte ich sie und ihre Familie zuhause im Ait Bouguemez Tal im Hohen Atlas, wo sie  seit 12 Jahren leben.

Auf die Frage, warum sie ihre Heimat verlassen habe, antwortet Itto: „aus Liebe zu meinem Mann, zum Land und zur Religion.“ Allein die Reihenfolge ihrer Liebeseingeständnisse und -erklärungen ist etwas anders, als man es erwartet hätte.

Im Jahr 2002 kam Itto im Rahmen eines Studienpraktikums zum ersten Mal nach Marokko. Sie studierte damals an der FH Stuttgart Innenarchitektur und hatte die Möglichkeit, ein halbes Jahr nach Marrakesch zu gehen. Sie verliebte sich sofort in das Land und hatte genug Zeit, mit Land und Leuten etwas vertraut zu werden. Durch die Zusammenarbeit mit den muslimischen Kollegen vor Ort kam sie in den ersten Kontakt mit dem Islam.

Lächelnd, fast beschämend, erzählt Itto, welch mulmiges Gefühl sie hatte, als sie zum ersten Mal den Koran in deutscher Übersetzung in ihren Händen hielt. Bis dato war sie gläubige, praktizierende Protestantin und wollte ursprünglich sogar Theologie studieren. Der Kontakt mit diesem ihr noch fremden heiligen Buch war ein mutiger Schritt für sie. Zumal sie auch nicht ganz frei von den Ressentiments war, die im Westen gegenüber dem Islam herrschten.

„Allah hat mich zum Islam geführt. Er ist für mich die Fortführung des Christentums.“ Itto ließ sich mit offenem Herzen auf das Neue ein und fand darin ihr Heil. Die Religion habe sie schon immer getragen, sagt Itto. Im Islam werde für sie weitergeführt, was sie schon kannte, ihre Liebe und ihr Vertrauen zu Gott gestärkt und es würden ihr Fragen beantwortet, auf die sie noch keine Antworten gehabt hatte. „Ich habe mich Gott voll anvertraut.“ Resultat dieser inneren Wandlung und Zuwendung war Ende des Jahres 2002 ihre Konversion zum Islam.

 

Itto und Haddou am Anfang ihres gemeinsamen Weges

 

Während ihres ersten Aufenthalts in Marokko lernte sie auch ihren späteren Ehemann Haddou Mouzoun kennen. Er arbeitete damals als Reiseleiter in der Stadt, wodurch die beiden in Kontakt kamen. Sie wollte sich diesem Mann nicht hingeben, ohne absolute innere Gewissheit und einen offiziellen äußeren Rahmen zu haben, sagt Itto lächelnd.  So verlobten sie sich Ende 2002 und im Frühjahr 2003 heirateten die beiden in Deutschland.

Nachdem Itto in Deutschland ihr Studium beendet hatte und das erste Kind zur Welt gekommen war, zog die kleine Familie im Sommer 2004 los, um in Haddous Heimat ihr Glück zu finden. Nach einem halben Jahr in Fes übersiedelten sie ins Ait Bouguemez Tal. Itto wollte das Leben, die Sprache und Kultur ihres Mannes und somit auch ihrer Familie kennen lernen. In den folgenden Jahren lernte sie die Berbersprache und integrierte sich mit viel Engagement und Interesse und ganz viel Herz in die familiäre und dörfliche Gemeinschaft. So wird in der Familie Mouzoun Berber und Deutsch gesprochen und berberische Traditionen werden gepflegt und gelebt.

Itto ist anerkanntes und geschätztes Mitglied der dörflichen Gemeinschaft und fühlt sich dort, in der Abgeschiedenheit des Tals ganz zu Hause, angekommen. Das sieht man und das spürt man.

In den ersten Jahren im Tal hatten Itto und Haddou eine kleine Reiseagentur und zeigten europäischen Touristen ihr wunderschönes Land. Mit der Zeit merkte Itto, dass dieser Beruf nicht wirklich ihre Berufung war. Ihr Interesse ging immer mehr in Richtung Pädagogik, mit der sie sich zunehmends beschäftigte. 2007 kam es dann zu einer Begegnung, die den Grundstein für die Verwirklichung von Ittos Visionen legte:

Veronika Müller-Mäder und Jürg Mäder, die Gründer und Leiter der „Scuola Vivante“ in der Schweiz, kamen im Zuge einer Bildungsreise mit einigen Schülern ins Ait Bouguemez Tal. „So eine Schule wie eure würd‘ ich mir für meine Kinder wünschen“, sagte Itto bei dieser Begegnung. Die Antwort der beiden Schweizer: „Warum gründet ihr nicht eine eigene Schule – wir helfen euch!“

 

Itto mit Kindern aus dem Tal in der Planungs- und Vorbereitungsphase der „école vivante“

 

So entstand und reifte die Idee einer Partnerschule. Itto und Haddou folgten gemeinsam der Vision, die Bildungsmöglichkeiten für die Kinder im Tal zu verbessern. Das Grundkonzept der Schule: „Kinder können werden, was sie im Grunde ihres Wesens sind.“ Die Kinder sollten fortan die Möglichkeit und den Raum bekommen, ihre Talente zu entdecken und zu entfalten, aber auch und ganz wichtig, marokkanische Heimatkunde lernen und alte Berbertraditionen pflegen. Das Hauptaugenmerk der Ausbildung soll auf der freien Entwicklungsmöglichkeit des einzelnen Schülers und der Förderung der Talente liegen.

Im September 2010 konnte der offizielle Unterrichtsbetrieb der freien Grundschule „école vivante“ aufgenommen werden, anfangs noch in den Räumen des Familienhauses, was eine harte Belastungsprobe für die mittlerweile 5-köpfige Familie war. Aufgrund der räumlich prekären Situation und der Tatsache, dass das Schulangebot im Tal von der Bevölkerung sehr gut angenommen wurde, zog die Familie nach 4 Jahren in ein angrenzendes Haus, um der Schule den nötigen Raum und ihnen selbst auch den räumlichen Abstand geben zu können.

Aber damit nicht genug, die Visionen und Ambitionen von Itto und Haddou gingen weiter: 2014 wurde mit dem Neubau für die Sekundarstufe begonnen, welcher Ende des Jahres fertig wurde und 2017 eingeweiht werden wird. In diesem neuen Schulgebäude werden die Realschulklassen mit Freizeitwerkstätten, Tüftellabor und Seminarräumen untergebracht sein.

Ohne die vielen helfenden Hände, Berater und Wegbegleiter, ohne die Vielzahl an Spenden, wären all diese realisierten Visionen niemals möglich gewesen. So wurde der Bau des neuen Schulgebäudes fast komplett von WELTWEITWANDERN finanziert. Dafür sind Itto und Haddou unendlich dankbar.

 

Itto und Haddou mit ihren 4 Kindern vor dem fast fertiggestellten neuen Schulgebäude im Oktober 2016

 

Ich frage Itto nach ihren Träumen. „Ich habe viele Riesenvisionen“, sagt und lacht sie wieder herzlich und frei. Der „campus vivante“ sei ihr gemeinsames Lebensprojekt. Diese Vision sei aus einem ursprünglichen Traum gewachsen: anderen ermöglichen zu erblühen, sich selbst treu zu bleiben und die Verbindung zur Natur, zu Gottes Schöpfung zu behalten. „Wir erblühen mit dem Projekt total und helfen vielen anderen zu erblühen.“

Als ich Itto bitte, sich selbst mit nur einem Wort zu beschreiben, sagt sie nach langem Überlegen: erblühen.

Und wahrlich, durch ihren unermüdlichen Einsatz und ihre nie versiegende Energie hat die Mutter von heute 4 Kindern gemeinsam mit ihrem Mann wirklich Großes vollbracht. Sie haben das Leben im Tal nachhaltig verändert und durch die besseren Ausbildungsmöglichkeiten den Lebensstandard der Bevölkerung erhöht.

Zum Schluss frage ich Itto, woher sie die Kraft für all das nehme. Sie lächelt und zeigt mit dem Finger nach oben. In diesem Moment denke ich, dass es völlig egal ist, welcher Religion man angehört. Wenn man sich nur darin zuhause fühlt und so viel Lebenskraft und Liebe daraus schöpfen kann.

Möge Gott ihr noch viel von beidem geben! Inshallah

Itto und ich vor dem Schulgebäude im Ait Bouguemez Tal

 

 

Wer mehr über das Schulprojekt im Hohen Atlas erfahren möchte: Hier geht es zur Homepage der école vivante:

http://www.ecolevivante.com/

 

Und auch auf der Seite des Vereins „Weltweitwandern wirkt“ kann man mehr über das Projekt erfahren und auch spenden:

http://www.weltweitwandernwirkt.org/

 

 

 

 

 

 

 

 



Sameh Edward Aziz – der furchtlose Optimist

Nicht erst seit der Flüchtlingskrise sind Ausländer, Migranten, Flüchtlinge  Thema in Medien und Diskussionen, öffentlich, privat, überall. Hinter diesen „Kategorien“ stecken Menschen, die einen Namen, ein Gesicht, ein Herz, eine Geschichte haben. Und genau das möchte ich einigen von ihnen geben: einen Namen, ein Gesicht, eine Geschichte und Aufmerksamkeit.

Durch meine Arbeit als DaF-Trainerin (Deutsch als Fremdsprache) und ÖSD-Prüferin (Österreichisches Sprachdiplom) bin ich in den letzten Jahren sehr vielen Menschen aus den unterschiedlichsten  Ländern der Welt begegnet. Jeder hat seine eigene, faszinierende Geschichte. Einige möchte ich hier in meiner Reihe „Portäts: MenschenGesichterGeschichten“ vorstellen.

 

Sameh Edward Aziz

Alter: 37 Jahre

Heimatland: Ägypten

In Österreich seit: Oktober 2013

 

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Sameh am Eingang zur Koptisch-Orthodoxen Kirche“ Heilige Jungfrau von Zeitoun“ in Wien

Sameh besuchte im Herbst 2015 einen meiner Deutschkurse. Er ist eine Person, die man sofort ins Herz schließt: Sameh ist immer freundlich und fröhlich, hilfsbereit und redet nie schlecht über andere Menschen. Also eine echte Perle im Deutschkursgefüge! Und Sameh verkörpert für mich das, was man im Volksmund den „Hansdampf in allen Gassen“ nennt: Er arbeitet 20 Stunden pro Woche in einem Taxiunternehmen als Buchhalter, besucht täglich einen Deutschkurs, macht ehrenamtlich die Buchhaltung für die Koptisch-Orthodoxe Kirche in Wien, geht einmal pro Woche auch ehrenamtlich für die Caritas  in das Pflegewohnhaus „Haus Schönbrunn“, um den Menschen dort Gesellschaft zu leisten und mit ihnen Karten zu spielen, ist gerade dabei seine eigene Firma zu gründen und hat eine kleine Familie, um die er sich liebevoll kümmert!

Vor zweieinhalb Jahren verließ Sameh mit seiner Frau Saly und den beiden Söhnen Daniel und David die Heimat Ägypten. „Für mich wäre Ägypten besser“, sagt Sameh ein bisschen wehmütig. Er und seine Frau hatten sich der Kinder wegen für diesen Schritt entschieden. Sie wollen,  dass ihre Söhne in einem Land aufwachsen, dass ihnen bessere Zukunftsperspektiven als das Heimatland bieten kann. Die Wirtschaftslage in Ägypten ist schlecht, Zukunftsprognosen nicht sehr rosig. „Hier ist alles super: der Verkehr, die Sauberkeit, die Sicherheit, Schulen, Ausbildung und Arbeitschancen“.

Ein weiterer, ausschlaggebender Grund, das Land zu verlassen, war die Situation der koptischen Minderheit in Ägypten, der sie angehörten. „Wir Kopten stehen in Ägypten ständig unter gesellschaftlichem Druck“, sagt Sameh. Die Kopten werden in der islamisch dominierten Gesellschaft ausgegrenzt, sie leiden unter Vorurteilen und Diskriminierungen, vor allem in der Arbeitswelt. „Es war als Kind schon nicht leicht“, sagt Sameh mit einem Lächeln. „Wenn wir sonntags mit unseren Ikonographie-Bildchen in der Hand in die Kirche gingen, wurden wir von Gleichaltrigen beschimpft und auch oft geschlagen.“

Das wollen Sameh und Saly ihren beiden Söhnen ersparen. Da Samehs jüngere Brüder bereits in Österreich lebten, boten sie der Familie an, zu kommen und sich alles einmal anzuschauen. Im Oktober 2013 war es dann soweit. Sie kamen und blieben. Denn die Kinder fühlen sich hier sehr wohl. Saly studiert bereits Pharmazie an der Uni Wien und Sameh wird ebenfalls an der Uni Wirtschaftsinformatik studieren.

 

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Sameh, Saleh, Daniel und David in ihrer Heimat Ägypten

Ich frage Sameh, was er am meisten vermisst. „Ich vermisse mein Leben in Ägypten … Ich fühle mich hier immer noch verloren oder am falschen Platz.“ In seiner Heimat studierte er nach der Matura Betriebswirtschaft, schloss mit einem Bachelor ab und arbeitete einige Jahre erst als Buchhalter, dann als Senior Account Manager und zuletzt als Account Director in großen Firmen. Hier ist alles schwer für ihn. Aber Sameh ist wie immer optimistisch.

Einen sicheren Rahmen und ein Stück Heimat fand er in der  Koptisch-Orthodoxen Kirche in Wien, in der er sich sehr engagiert. In Wien gibt es 5 Koptische Kirchen und ein Kloster (St.Antonius Kloster in Obersiebenbrunnen). Seit 2003 ist die Koptisch-Orthodoxe Kirche anerkannte Körperschaft des Öffentlichen Rechts in Österreich. Derzeit leben 5000-6000 ägyptische Kopten in Wien. Kinder können koptischen Religionsunterricht in der Schule besuchen. Und sonntags haben sie in der Sonntagsschule die Möglichkeit, die koptische Sprache zu erlernen. Da die koptische Sprache bereits im 10. Jahrhundert in Ägypten verboten wurde, ging sie leider als lebendige Sprache verloren und wird heute fast nur noch im kirchlichen Rahmen gepflegt. Aber ca. 4000 koptische Wörter haben Eingang in das Ägyptisch-Arabisch gefunden. „Die Leute wissen das nicht, sonst würden diese Wörter wahrscheinlich verboten werden“, sagt S.E. Bischof Anba Gabriel in einem Gespräch. Seine Exzellenz bekleidet seit 2004 das Bischofsamt  der Koptisch-Orthodoxen Kirche für Österreich und die deutschsprachige Schweiz und ist mit Sameh verwandt.

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Sameh mit S.E. Bischof Anba Gabriel in der Koptisch-Orthodoxen Kirche „Heilige Jungfrau von Zeitoun“

Ich frage Sameh nach seinem Traum. „Ich wünsche mir, dass meine eigene Firma erfolgreich wird!“ Er hat gerade erst sein eigenes Gewerbe bei der WKO angemeldet, als Web-Designer. Demnächst wird seine Website fertig (der Link folgt hier in meinem Blog), dann kann es richtig losgehen. Dabei möchte er aber sein zweites Ziel, das Studium der Wirtschaftsinformatik, nicht aus den Augen verlieren.

Die richtigen Zutaten für eine erfolgreiche Zukunft hat er jedenfalls. Er beschreibt sich selbst als jemanden, der niemals Angst hat. Er geht alle Aufgaben, Anforderungen und Hürden des Lebens mit viel Optimismus und Humor an. „Außer bei meinen Kindern … da habe ich Angst, um sie habe ich Angst“. Deshalb ließ er sich auf das Abenteuer „neues Leben in Österreich“ ein. Und so geht er auch hier alles mit dem ägyptischen Sprichwort الصبر طيب (issabre tayyip) an – die Geduld wird ihm sicher Rosen bringen!



Sujata Ghimire – das moderne Aschenbrödel

Nicht erst seit der Flüchtlingskrise sind Ausländer, Migranten, Flüchtlinge  Thema in Medien und Diskussionen, öffentlich, privat, überall. Hinter diesen „Kategorien“ stecken Menschen, die einen Namen, ein Gesicht, ein Herz, eine Geschichte haben. Und genau das möchte ich einigen von ihnen geben: einen Namen, ein Gesicht, eine Geschichte und Aufmerksamkeit.

Durch meine Arbeit als DaF-Trainerin (Deutsch als Fremdsprache) und ÖSD-Prüferin (Österreichisches Sprachdiplom) bin ich in den letzten Jahren sehr vielen Menschen aus den unterschiedlichsten  Ländern der Welt begegnet. Jeder hat seine eigene, faszinierende Geschichte. Einige möchte ich hier in meiner Reihe „Portäts: MenschenGesichterGeschichten“ vorstellen.

 

Sujata Ghimire

Alter: 24

Heimatland: Nepal

in Österreich seit: September 2012

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Sujata auf einem ihrer Lieblingsplätze in Wien

Sujatas Geschichte klingt wie ein modernes Märchen und wäre ein geeigneter Stoff für eine Verfilmung. Als sie mir das erste Mal von ihrem Leben erzählte, kamen mir die Tränen. Das war irgendwann im Winter 2013/2014. Obwohl sie auch an dem Institut, an dem ich unterrichte, Deutschkurse belegte, lernte ich sie nicht dort kennen, sondern über Facebook, über einen gemeinsamen Freund, der auch schon in Nepal gewesen war. Und aus der virtuellen Freundschaft wurden Freundinnen  im realen Leben.

Sujata wurde in Bhaktapur geboren und wuchs dort mit ihren 3 Geschwistern, einer Schwester und zwei Brüdern, in ärmlichen Verhältnissen auf. Die Familie lebte gemeinsam in nur einem Raum. Das Gehalt des Vaters reichte zumindest so weit, dass die Familie nicht hungern musste. Eine leichte Kindheit hatte Sujata nicht. „Mein Vater hat mich immer gehasst, weil er keine Tochter haben wollte.“

Mädchen haben es in Nepal nicht immer leicht. Aber Sujata konnte eine öffentliche Schule besuchen, was ihr viel bedeutete. Sie war immer schon wissbegierig und lernte gerne. Dann kam die Zeit, die das Leben der Familie komplett auf den Kopf stellte. Der Vater brachte eines Tages seine zweite Frau mit nach Hause. Bereits nach kurzer Zeit eskalierte die Situation auf dem engen Raum und er verließ mit der „neuen“ Frau das Haus und die „alte“ Familie.

„An diesem Tag wurde ich zweifache Mutter“, sagt Sujata traurig. Vom Vater, der alkoholsüchtig war, sahen sie nie mehr einen Cent. Die Mutter war schon seit einiger Zeit schwer krank und arbeitsunfähig und der ältere Bruder kümmerte sich nur um sich selbst. Also war nun Sujata für ihre beiden jüngeren Geschwister verantwortlich und musste schauen, wie sie mit ihren 14 Jahren die Familie versorgen konnte. Ab und zu bekamen sie etwas Hilfe von Verwandten, was aber bei weitem nicht ausreichte.

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Sujata in traditionell-modernem Look; Foto: Dominik Vsetecka

 

Da sie Englisch sprach, begann sie Touristen für ein bisschen Trinkgeld durch die Stadt zu führen. Am Durbar Square, dem Haupttummelplatz von Touristen in Bhaktapur, war sie das einzige Mädchen und nicht gerne gesehen. Der Konkurrenzdruck unter den Fremdenführern war groß. Viele hatten Hunger. Anfangs ging Sujata nach der Schule zum Platz, dann blieb sie der Schule immer häufiger fern. Das Geld reichte nicht, da die Mutter teure Medikamente brauchte.

Dann kam der Tag, der alles veränderte. Es war der 19. Oktober 2007. Dieses Datum wird Sujata niemals  vergessen. Sie spricht am Durbar Square eine Gruppe österreichischer Touristen an, zeigt ihnen die Stadt. Am Ende drückt ihr einer der Männer 50 Doller in die Hand. Und eine Visitenkarte, mit den Worten: „Schick mir eine Mail. Wer etwas bekommt, muss sich dafür bedanken.“ Sujata war sehr dankbar und glücklich, denn das Geld würde die Familie einen Monat über die Runden bringen. Aber was sollte sie mit der Visitenkarte? E-Mail schicken? Sie hatte noch niemals einen Computer angefasst…Doch ihre Neugier rettete sie aus dieser Situation. Sie ging in ein Cyber-Café und bat jemanden, ihr zu zeigen, wie man eine Mail schreibt. Geschafft!

Von da an gingen E-Mails regelmäßig hin und her. Im Januar 2008 dann die nächste Überraschung. Das Paar aus Österreich wollte Sujata mit einem Touristenvisum zu sich nach Österreich einladen! Sujata glaubte sich im Himmel. Nicht lange. Denn niemand glaubte ihr bzw. der Einladung. „Träumen ist gut, in der Realität wird nix passieren!“, wurde sie verspottet. Sie begann selbst zu zweifeln, wollte dennoch an diesem Traum festhalten und wurde vorerst vor bittere Tatsachen gestellt: Wer ins Ausland reisen möchte, braucht einen Reisepass. Sujata hatte keinen, sie hatte gar keine Papiere, sie existierte bis dato offiziell überhaupt nicht!

Um ihren Traum doch noch wahr werden zu lassen, musste sie ein großes Opfer bringen. Sie musste ihren Vater aufsuchen, denn nur er konnte die Papiere für sie besorgen. Es kostete sie große Überwindung, ihn, der  sie alle im Elend sitzen ließ, um etwas bitten zu müssen. Er tat es nur für Geld. Aber er tat es. Der Weg für das Abenteuer in die neue Welt war frei,

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Sujata in ihrer Heimat Nepal

Im April 2008 war es dann soweit. Sujata kam für drei Monate nach Österreich. Und sie fühlte sich wohl hier. Das Zusammenleben mit ihrer Gastfamilie war harmonisch, sie gewöhnten sich aneinander, gewannen sich lieb. „Könntest du dir vorstellen, länger hier bei uns zu bleiben?“. Das war ein Angebot für ein neues Leben. Sujata konnte ihr Glück kaum fassen, war unendlich dankbar und sagte: „JA, ich will!“.

Doch alles brauchte seine Zeit. Sujata kehrte in ihre Heimat zurück, lernte am Goethe-Institut fleißig Deutsch und wartete auf ihre Papiere. Bis sie alle Papiere für ein Studentenvisum in Österreich zusammen hatte, vergingen 4 Jahre! Ja, das „Märchen“ hatte seinen Preis. Aber Sujata einen langen Atem und Ehrgeiz. In dieser Zeit arbeitete sie beim Verein „Nepalhilfe für blinde Kinder“ mit, der von einer Österreicherin geleitet wird.

Im September 2012 startete sie in ihr neues Leben und kam nach Österreich. Der Abschied war nicht schwer. „Ich war die Einzige, die nicht geweint hat. Ich war einfach nur froh, dass ich weg konnte.“ In Österreich angekommen fühlte sie sich wie eine „Prinzessin“, verglichen mit der Lebenssituation in Nepal. Aber sie wollte nicht wie eine Prinzessin leben, sie wollte sich von Anfang an hier selbst etwas erarbeiten und ihr Leben selbst erkämpfen. So war sie es gewohnt. Und so wollten es auch ihre „neuen“ Eltern.

Sujata belegte Kurse im Vorstudienlehrgang, machte ihre Ergänzungsprüfungen in Deutsch und Mathe und begann mit dem BWL-Studium an der WU Wien. Nur zu studieren genügte ihr aber nicht. Sie wollte auch arbeiten. Im September 2013 begann sie als Praktikantin bei WHATCHADO, einem mittlerweile sehr erfolgreichen österreichischen Web-Portal. Nach dem Praktikum boten sie ihr dort eine feste Stelle im Marketingbereich an, ein perfekter Job. 2 Gründe, die Sujata dazu bewogen ihr Studium abzubrechen – sie hatte einige Prüfungen an der WU immer wieder nicht bestanden und gleichzeitig lockte die Versuchung der Festanstellung. Sujata entschied sich für die Sicherheit. Denn sie unterstützt nach wie vor ihre beiden jüngeren Geschwister in Nepal. Sie bezahlt das Schulgeld für den Bruder und die Internatskosten für die Schwester.

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Sujata beim Zubereiten von Momos – eine Spezialität aus ihrer Heimat

 

Was sie am meisten hier vermisst? „Meine Freunde…und das Gefühl der Leute…dort kann ich meine Freunde treffen, ohne dass ich einen Termin ausmachen muss“. Und das Essen fehlt ihr. Aber das holt sie sich in ihre eigenen vier Wände und kocht immer wieder ihre geliebten Momos – ein Stück Heimat. Ansonsten hat sie kein Heimweh. Sie ist sehr realistisch. Hat ihre Pläne, hat ein Ziel. Außerdem besucht sie ihre Heimat immer wieder.

Ich frage sie nach ihren Träumen. „Mein größter Traum hat sich erfüllt. Ich bin nach Europa gekommen. Jetzt muss ich noch einmal träumen…mmmhhh…ich will weise werden.“ Wir lachen beide und diskutieren, was „weise sein“ bedeutet.

Ich bitte Sujata, sich mit nur einem Wort zu beschreiben. „Ehrlich, direkt“, sagt  sie sofort. Deshalb würden auch manche Leute nicht so gut mit ihr klar kommen. Mir war ihre direkte Art von Anfang an sympathisch. Sie ist sehr realistisch und hat sich schon früh im Leben auf das Wesentliche konzentrieren müssen. Das härtet ab, aber es macht auch stark. Und das ist sie – eine unglaublich starke und selbstbewusste junge Frau, die ihren Weg geht. Und sie ist dankbar und demütig. Eine gute Mischung.

Sujata ist ein modernes Aschenbrödel, das trotz des wahr gewordenen Märchens ganz auf dem Boden geblieben ist und ihre Persönlichkeit beibehalten hat. Und sie will weiter wachsen. Viel Glück dabei meine Liebe!

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Jeder hat seine Geschichte!

 

 

 



Ahmad Alnajjar – das hilfsbereite Sprachtalent

Nicht erst seit der Flüchtlingskrise sind Ausländer, Migranten, Flüchtlinge  Thema in Medien und Diskussionen, öffentlich, privat, überall. Hinter diesen „Kategorien“ stecken Menschen, die einen Namen, ein Gesicht, ein Herz, eine Geschichte haben. Und genau das möchte ich einigen von ihnen geben: einen Namen, ein Gesicht, eine Geschichte und Aufmerksamkeit.

Durch meine Arbeit als DaF-Trainerin (Deutsch als Fremdsprache) und ÖSD-Prüferin (Österreichisches Sprachdiplom) bin ich in den letzten Jahren sehr vielen Menschen aus den unterschiedlichsten  Ländern der Welt begegnet. Jeder hat seine eigene, faszinierende Geschichte. Einige möchte ich hier in meiner Reihe „Portäts: MenschenGesichterGeschichten“ vorstellen.

 

Ahmad Alnajjar

Alter: 30 Jahre

Heimatland: Palästina

in Österreich seit: 13.12.2011

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Ahmad – das hilfsbereite Sprachtalent

Ahmad lernte ich vor circa eineinhalb Jahren kennen, als er bei mir in der mündlichen Prüfung für das Österreichische Sprachdiplom B2 saß. Ich war tief beeindruckt von seinem Sprachniveau. Nach so kurzer Zeit hier sprach er fast akzentfrei Deutsch. Ein Prüfungsgespräch dauert normalerweise 15-20 Minuten. Nach 26 Minuten machte mich meine Kollegin darauf aufmerksam, dass ich endlich aufhören müsse. Das Gespräch war einfach zu interessant und spannend. Ahmad war ein Mensch, über den ich einfach mehr wissen wollte. So setzten wir unsere Gespräche außerhalb der Prüfungsräume fort.

Geboren und aufgewachsen ist Ahmad als einer von 5 Söhnen in Abu Dhabi. Dort hatte er eine unbeschwerte und schöne Kindheit und Jugend. Sein Vater arbeitete in der HR-Abteilung im Wirtschaftsministerium. Der Familie fehlte es an nichts. Ahmad liebt das Leben am Meer. Eine seiner Leidenschaften war und ist Schwimmen.

2004 kam dann der Tag, der das Leben der ganzen Familie veränderte. Der Familienvater beschloss quasi von heute auf morgen zurück in die Heimat, nach Palästina, zu gehen. Für die 5 Kinder war das ein großer Schock. Zwar waren sie immer wieder für längere Ferienaufenthalte in Palästina gewesen, aber bis dato hatten sie keine emotionale Bindung an das Heimatland ihrer Eltern. Diskussionen waren jedoch nicht denkbar. Also übersiedelte die Familie nach Ghaza, wo der Vater in den vergangenen Jahren schon ein Haus gebaut hatte.

Diese Übersiedlung war eine Zäsur in Ahmads Leben. „Nun hatte ich eine richtige Heimat, nun wusste ich, was das Wort Heimat bedeutet.“ Ahmad entwickelte in den folgenden Jahren eine große emotionale Bindung an das Land seiner Familie. Er begann sich mit dem Land, der Kultur und der Geschichte zu identifizieren.

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„Nun hatte ich eine richtige Heimat. Nun wusste ich, was Heimat bedeutet.“ Foto von Ario Omidvar

Ahmad studierte in den kommenden Jahren an der „Al-Azhar-Universität Ghaza“ Englische und Französische Literatur und schloss 2009 mit dem Bachelor ab. Neben seinem Studium engagierte es sich all die Jahre in Friedensbewegungen. Doch durch seine aktive Teilnahme in einer  Organisation, die sich aus palästinensischen und israelischen Friedensaktivist_innen zusammensetzte, bekam er Probleme mit einer islamistischen Partei in Ghaza und musste das Land verlassen.

Im Dezember 2011 kam er mit seinem Cousin dann nach Österreich. Sie hatten gehört, dass es in Österreich noch nicht so viele Araber gab und sie deshalb vielleicht bessere Chancen haben würden als in Deutschland oder Belgien.

Seit eineinhalb Jahren arbeitet Ahmad im „Wien Museum“ als Aufseher. Doch das genügt ihm nicht. Das „Wien Museum“ bietet seit Kurzem kostenlose Führungen für Flüchtlinge an. Ahmad leitet diese Führungen in arabischer Sprache, unentgeltlich. Und auch sonst ist Ahmad immer zur Stelle, wenn jemand in seinem Umfeld Hilfe braucht, zum Beispiel als Übersetzer bei einem Spitalaufenthalt oder bei Behördengängen. Als ich ihn frage, wie er sich selbst mit einem einzigen Wort beschreiben würde, kommt nach langem Überlegen: hilfsbereit. Anderen zu helfen ist für ihn eine religiöse Verpflichtung. Aus Dankbarkeit dafür, was Gott ihm geschenkt hat und immer wieder schenkt, möchte er so gut er kann, anderen Menschen helfen.

Ich frage Ahmad nach seinen Träumen. „Ich möchte etwas machen, zum Beispiel Geige spielen oder backen und kochen, mit dem ich ein positives Bild meiner Heimat Palästina transportieren kann. Ich möchte in irgendeiner Weise mein Land repräsentieren.“ Seit Ahmad hier in Wien ist lernt er Geige spielen und er ist ein leidenschaftlicher Koch und kreiert die tollsten Torten- und Cupcake-Variationen. Vielleicht kann er in Zukunft seinen Traum verwirklichen und ein kleines Café oder Restaurant eröffnen, in dem er Spezialitäten aus seiner Heimat und Eigenkreationen servieren kann. Ein Stammgast wäre ihm jedenfalls schon sicher!

Einige von Ahmads Cupcake-Kreationen
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Er kreiert auch gerne Torten

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auf meine Frage, was er hier am meisten vermisst, antwortet Ahmad mit strahlenden Augen: „Das Meer! Ohne das Meer kann ich nicht leben!“ In Zukunft möchte er die österreichische Staatsbürgerschaft beantragen. Dann wäre es für ihn auch wieder einfacher zu reisen. Nur seine Heimat, Palästina, wird er weiterhin nur in Gedanken, im Traum, bereisen können.

„Ich bin jemand, der nie aufgibt!“ Das glaube ich ihm aufs Wort. Ahmad ist ein Sonnenkind und ich bin davon überzeugt, dass er seinen Weg gehen wird. Ich wünsche es ihm jedenfalls von Herzen!

 



Moulham Obid – der „verrückte“ Künstler

Nicht erst seit der Flüchtlingskrise sind Ausländer, Migranten, Flüchtlinge  Thema in Medien und Diskussionen, öffentlich, privat, überall. Hinter diesen „Kategorien“ stecken Menschen, die einen Namen, ein Gesicht, ein Herz, eine Geschichte haben. Und genau das möchte ich einigen von ihnen geben: einen Namen, ein Gesicht, eine Geschichte und Aufmerksamkeit.

Durch meine Arbeit als DaF-Trainerin (Deutsch als Fremdsprache) und ÖSD-Prüferin (Österreichisches Sprachdiplom) bin ich in den letzten Jahren sehr vielen Menschen aus den unterschiedlichsten  Ländern der Welt begegnet. Jeder hat seine eigene, faszinierende Geschichte. Einige möchte ich hier in meiner Reihe „Portäts: MenschenGesichterGeschichten“ vorstellen.

 

Moulham

 

Name: Moulham Obid

Alter: 25

Heimatland: Syrien

in Österreich seit: 22. Dezember 2013

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Moulham Obid – Maler und Modedesigner

 

Durch Zufall lernte ich Moulham vor circa einem Jahr kennen, weil ich einen Kollegen in seiner Gruppe vertrat. Es gibt Menschen, die man sofort ins Herz schließt. So ein Herzensmensch ist Moulham.

Moulham wusste schon sehr früh, dass er Künstler werden wollte. Obwohl seinen Eltern klar war, dass dies kein Karriereberuf wie zum Beispiel Arzt oder Unternehmer ist, erfüllten sie ihm seinen größten Wunsch. In Aleppo absolvierte er den Studiengang „Fine Arts“ und schloss ihn mit einem Bachelor of Arts ab. Und dann kam die Nacht, die Moulhams Leben drastisch veränderte.

Er war mit einer Freundin im Auto auf dem Nachhauseweg von der Uni als sie in eine Kontrolle von Leuten der dschihadistischen Al-Nusra-Front gerieten. Moulham hatte einige seiner Zeichnungen und Gemälde im Auto, darunter auch Aktmalereien. Die Fundamentalisten wollten ihn sofort mitnehmen, einer von ihnen wollte ihn  auf der Stelle erschießen, da sie glaubten, er sei Alawit (die Al-Nusra-Front hat sich zum Ziel gemacht u.a. die alawitische Minderheit in Syrien zu vertreiben). Der Name seines Vaters rettete ihn, da dieser ihn klar als Sunnit auswies. So ließen sie ihn laufen…Seinen Eltern war jedoch sofort klar, was dieser Zwischenfall für Moulham bedeutete. Sie beschlossen noch in derselben Nacht, dass er das Land so schnell wie möglich verlassen muss.

Das Verlassen seiner Heimat war ohnehin schon ein Thema in der Familie. Moulham hatte sein Studium abgeschlossen, was heißt, dass er nun den Militärdienst hätte antreten müssen. Und das hätte damals wie heute den sicheren Tod bedeutet. Also schien eine Flucht sowieso unumgänglich, darin war sich die ganze Familie einig.

Seine erste Station war Dubai, wo er jedoch nur 3 Wochen blieb. Von dort aus ging es weiter in den Libanon. Der Anfang war schwer, weil er niemanden kannte, es gab niemanden, der sich um ihn kümmerte. Dennoch ging er weiter auf seinem Weg, belegte einen Kurs in Grafikdesign, hatte sogar seine erste Ausstellung.

Im Dezember 2013 lud ihn ein Freund, der in Wien lebt, ein, ihn zu besuchen. Mit einem schwer erkämpftenTouristenvisum flog er dann nach Österreich, ohne die Absicht zu bleiben. Das änderte sich bald nach Moulhams Ankunft in Wien. „Überall ist Kunst – ich möchte hier bleiben!“, waren seine begeisterten Worte. Wien – hier war auch Gustav Klimt zu Hause und ist allzeit und überall präsent. Moulham arbeitete in seiner Abschlussarbeit für den Bachelor of Arts über eben Klimt. Es war, wie er sagt, „ein rein österreichisches Projekt“, Illustrationen zu Robert Schneiders Roman „Schlafes Bruder“ im Stil von Klimt. Dieses Wien muss ihm wie eine Verheißung erschienen sein! Also entschied er, zu bleiben. Schon nach 3 Monaten bekam er einen positiven Bescheid auf seinen Asylantrag.

Moulham bei der Arbeit
Moulham bei der Arbeit

Auch für ihn begann nun der lange, beschwerliche Weg des wirklich hier Ankommens mit dem Erlernen der deutschen Sprache. Zum Glück, denn sonst wären wir uns wahrscheinlich nicht über den Weg gelaufen!

Nach 3 Deutschkursen begann er dann im September 2015 an der Mode-und Kunstschule Herbststraße mit der Ausbildung zum Modedesigner. Und es läuft gut. Erst letzten Monat hatte er seine erste Ausstellung mit Bildern in Wien, eine Gemeinschaftsausstellung mit anderen Künstlern unter dem Titel „Art After Dark“. Und einer seiner Kleiderentwürfe wurde für ein Projekt der thailändischen Botschaft ausgewählt. Bei diesem Wettbewerb wurden aus 74 Einreichungen 24 Entwürfe ausgewählt. Moulhams Kleid wird bei der nächsten Vienna Fashion Week im September gezeigt werden!

Ich habe Moulham nach seinen Träumen gefragt. Seine Antwort:“RUHE …Ruhe um zu arbeiten, zu wohnen, mit Freunden zusammen zu sein.“ Er meint damit ein Leben ohne Probleme und Stress, wovon es leider momentan noch zu viel in seinem Leben gibt, zum Beispiel Rassismus bei der Wohnungssuche, der finanzielle Kampf ums Überleben und einiges mehr.

Was er hier vermisst? „Nichts außer meine engsten Freunde. Ich konnte nie der sein, der ich wirklich bin. Immer musste ich eine Maske tragen, außer wenn ich mit meinen Freunden zusammen war. Die waren genauso verrückt wie ich!“ Lachen und Wehmut und Sehnsucht sprechen gleichzeitig aus Moulhams Blick. Denn diese Heimat ist verschwunden und wird  nie mehr wiederkehren. Seine Freunde sind quer über den Erdball verstreut.

Ich bitte Moulham um die schwierige Aufgabe, sich selbst nur  mit einem Wort zu beschreiben. Die Antwort kommt ohne Nachdenken, wie aus der Pistole geschossen: VERRÜCKT! Wir lachen beide. Ich denke, dass man ein bisschen Verrücktheit braucht, um den Wahnsinn in unserer Welt ertragen zu können.

Moulham ist jedenfalls ein äußerst liebenswürdiger, verrückter, junger Künstler, der seinen Traum verfolgt und nicht aufgibt. Ich bin jedenfalls froh, ihn zu kennen und wünsche ihm alles erdenklich Gute – und Ruhe!

 

Wer den jungen Künstler und seine Bilder kennen lernen möchte, kann seine Facebook-Seite besuchen. Die Bilder können auch gekauft werden.

https://www.facebook.com/Moulham-obid-Art-103529899789713/?fref=ts

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Eine Auswahl von Moulhams Arbeiten

 

 




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