Moulham Obid – der „verrückte“ Künstler

Nicht erst seit der Flüchtlingskrise sind Ausländer, Migranten, Flüchtlinge  Thema in Medien und Diskussionen, öffentlich, privat, überall. Hinter diesen „Kategorien“ stecken Menschen, die einen Namen, ein Gesicht, ein Herz, eine Geschichte haben. Und genau das möchte ich einigen von ihnen geben: einen Namen, ein Gesicht, eine Geschichte und Aufmerksamkeit.

Durch meine Arbeit als DaF-Trainerin (Deutsch als Fremdsprache) und ÖSD-Prüferin (Österreichisches Sprachdiplom) bin ich in den letzten Jahren sehr vielen Menschen aus den unterschiedlichsten  Ländern der Welt begegnet. Jeder hat seine eigene, faszinierende Geschichte. Einige möchte ich hier in meiner Reihe „Portäts: MenschenGesichterGeschichten“ vorstellen.

 

Moulham

 

Name: Moulham Obid

Alter: 25

Heimatland: Syrien

in Österreich seit: 22. Dezember 2013

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Moulham Obid – Maler und Modedesigner

 

Durch Zufall lernte ich Moulham vor circa einem Jahr kennen, weil ich einen Kollegen in seiner Gruppe vertrat. Es gibt Menschen, die man sofort ins Herz schließt. So ein Herzensmensch ist Moulham.

Moulham wusste schon sehr früh, dass er Künstler werden wollte. Obwohl seinen Eltern klar war, dass dies kein Karriereberuf wie zum Beispiel Arzt oder Unternehmer ist, erfüllten sie ihm seinen größten Wunsch. In Aleppo absolvierte er den Studiengang „Fine Arts“ und schloss ihn mit einem Bachelor of Arts ab. Und dann kam die Nacht, die Moulhams Leben drastisch veränderte.

Er war mit einer Freundin im Auto auf dem Nachhauseweg von der Uni als sie in eine Kontrolle von Leuten der dschihadistischen Al-Nusra-Front gerieten. Moulham hatte einige seiner Zeichnungen und Gemälde im Auto, darunter auch Aktmalereien. Die Fundamentalisten wollten ihn sofort mitnehmen, einer von ihnen wollte ihn  auf der Stelle erschießen, da sie glaubten, er sei Alawit (die Al-Nusra-Front hat sich zum Ziel gemacht u.a. die alawitische Minderheit in Syrien zu vertreiben). Der Name seines Vaters rettete ihn, da dieser ihn klar als Sunnit auswies. So ließen sie ihn laufen…Seinen Eltern war jedoch sofort klar, was dieser Zwischenfall für Moulham bedeutete. Sie beschlossen noch in derselben Nacht, dass er das Land so schnell wie möglich verlassen muss.

Das Verlassen seiner Heimat war ohnehin schon ein Thema in der Familie. Moulham hatte sein Studium abgeschlossen, was heißt, dass er nun den Militärdienst hätte antreten müssen. Und das hätte damals wie heute den sicheren Tod bedeutet. Also schien eine Flucht sowieso unumgänglich, darin war sich die ganze Familie einig.

Seine erste Station war Dubai, wo er jedoch nur 3 Wochen blieb. Von dort aus ging es weiter in den Libanon. Der Anfang war schwer, weil er niemanden kannte, es gab niemanden, der sich um ihn kümmerte. Dennoch ging er weiter auf seinem Weg, belegte einen Kurs in Grafikdesign, hatte sogar seine erste Ausstellung.

Im Dezember 2013 lud ihn ein Freund, der in Wien lebt, ein, ihn zu besuchen. Mit einem schwer erkämpftenTouristenvisum flog er dann nach Österreich, ohne die Absicht zu bleiben. Das änderte sich bald nach Moulhams Ankunft in Wien. „Überall ist Kunst – ich möchte hier bleiben!“, waren seine begeisterten Worte. Wien – hier war auch Gustav Klimt zu Hause und ist allzeit und überall präsent. Moulham arbeitete in seiner Abschlussarbeit für den Bachelor of Arts über eben Klimt. Es war, wie er sagt, „ein rein österreichisches Projekt“, Illustrationen zu Robert Schneiders Roman „Schlafes Bruder“ im Stil von Klimt. Dieses Wien muss ihm wie eine Verheißung erschienen sein! Also entschied er, zu bleiben. Schon nach 3 Monaten bekam er einen positiven Bescheid auf seinen Asylantrag.

Moulham bei der Arbeit
Moulham bei der Arbeit

Auch für ihn begann nun der lange, beschwerliche Weg des wirklich hier Ankommens mit dem Erlernen der deutschen Sprache. Zum Glück, denn sonst wären wir uns wahrscheinlich nicht über den Weg gelaufen!

Nach 3 Deutschkursen begann er dann im September 2015 an der Mode-und Kunstschule Herbststraße mit der Ausbildung zum Modedesigner. Und es läuft gut. Erst letzten Monat hatte er seine erste Ausstellung mit Bildern in Wien, eine Gemeinschaftsausstellung mit anderen Künstlern unter dem Titel „Art After Dark“. Und einer seiner Kleiderentwürfe wurde für ein Projekt der thailändischen Botschaft ausgewählt. Bei diesem Wettbewerb wurden aus 74 Einreichungen 24 Entwürfe ausgewählt. Moulhams Kleid wird bei der nächsten Vienna Fashion Week im September gezeigt werden!

Ich habe Moulham nach seinen Träumen gefragt. Seine Antwort:“RUHE …Ruhe um zu arbeiten, zu wohnen, mit Freunden zusammen zu sein.“ Er meint damit ein Leben ohne Probleme und Stress, wovon es leider momentan noch zu viel in seinem Leben gibt, zum Beispiel Rassismus bei der Wohnungssuche, der finanzielle Kampf ums Überleben und einiges mehr.

Was er hier vermisst? „Nichts außer meine engsten Freunde. Ich konnte nie der sein, der ich wirklich bin. Immer musste ich eine Maske tragen, außer wenn ich mit meinen Freunden zusammen war. Die waren genauso verrückt wie ich!“ Lachen und Wehmut und Sehnsucht sprechen gleichzeitig aus Moulhams Blick. Denn diese Heimat ist verschwunden und wird  nie mehr wiederkehren. Seine Freunde sind quer über den Erdball verstreut.

Ich bitte Moulham um die schwierige Aufgabe, sich selbst nur  mit einem Wort zu beschreiben. Die Antwort kommt ohne Nachdenken, wie aus der Pistole geschossen: VERRÜCKT! Wir lachen beide. Ich denke, dass man ein bisschen Verrücktheit braucht, um den Wahnsinn in unserer Welt ertragen zu können.

Moulham ist jedenfalls ein äußerst liebenswürdiger, verrückter, junger Künstler, der seinen Traum verfolgt und nicht aufgibt. Ich bin jedenfalls froh, ihn zu kennen und wünsche ihm alles erdenklich Gute – und Ruhe!

 

Wer den jungen Künstler und seine Bilder kennen lernen möchte, kann seine Facebook-Seite besuchen. Die Bilder können auch gekauft werden.

https://www.facebook.com/Moulham-obid-Art-103529899789713/?fref=ts

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Eine Auswahl von Moulhams Arbeiten

 

 




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