Ahmad Alnajjar – das hilfsbereite Sprachtalent

Nicht erst seit der Flüchtlingskrise sind Ausländer, Migranten, Flüchtlinge  Thema in Medien und Diskussionen, öffentlich, privat, überall. Hinter diesen „Kategorien“ stecken Menschen, die einen Namen, ein Gesicht, ein Herz, eine Geschichte haben. Und genau das möchte ich einigen von ihnen geben: einen Namen, ein Gesicht, eine Geschichte und Aufmerksamkeit.

Durch meine Arbeit als DaF-Trainerin (Deutsch als Fremdsprache) und ÖSD-Prüferin (Österreichisches Sprachdiplom) bin ich in den letzten Jahren sehr vielen Menschen aus den unterschiedlichsten  Ländern der Welt begegnet. Jeder hat seine eigene, faszinierende Geschichte. Einige möchte ich hier in meiner Reihe „Portäts: MenschenGesichterGeschichten“ vorstellen.

 

Ahmad Alnajjar

Alter: 30 Jahre

Heimatland: Palästina

in Österreich seit: 13.12.2011

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Ahmad – das hilfsbereite Sprachtalent

Ahmad lernte ich vor circa eineinhalb Jahren kennen, als er bei mir in der mündlichen Prüfung für das Österreichische Sprachdiplom B2 saß. Ich war tief beeindruckt von seinem Sprachniveau. Nach so kurzer Zeit hier sprach er fast akzentfrei Deutsch. Ein Prüfungsgespräch dauert normalerweise 15-20 Minuten. Nach 26 Minuten machte mich meine Kollegin darauf aufmerksam, dass ich endlich aufhören müsse. Das Gespräch war einfach zu interessant und spannend. Ahmad war ein Mensch, über den ich einfach mehr wissen wollte. So setzten wir unsere Gespräche außerhalb der Prüfungsräume fort.

Geboren und aufgewachsen ist Ahmad als einer von 5 Söhnen in Abu Dhabi. Dort hatte er eine unbeschwerte und schöne Kindheit und Jugend. Sein Vater arbeitete in der HR-Abteilung im Wirtschaftsministerium. Der Familie fehlte es an nichts. Ahmad liebt das Leben am Meer. Eine seiner Leidenschaften war und ist Schwimmen.

2004 kam dann der Tag, der das Leben der ganzen Familie veränderte. Der Familienvater beschloss quasi von heute auf morgen zurück in die Heimat, nach Palästina, zu gehen. Für die 5 Kinder war das ein großer Schock. Zwar waren sie immer wieder für längere Ferienaufenthalte in Palästina gewesen, aber bis dato hatten sie keine emotionale Bindung an das Heimatland ihrer Eltern. Diskussionen waren jedoch nicht denkbar. Also übersiedelte die Familie nach Ghaza, wo der Vater in den vergangenen Jahren schon ein Haus gebaut hatte.

Diese Übersiedlung war eine Zäsur in Ahmads Leben. „Nun hatte ich eine richtige Heimat, nun wusste ich, was das Wort Heimat bedeutet.“ Ahmad entwickelte in den folgenden Jahren eine große emotionale Bindung an das Land seiner Familie. Er begann sich mit dem Land, der Kultur und der Geschichte zu identifizieren.

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„Nun hatte ich eine richtige Heimat. Nun wusste ich, was Heimat bedeutet.“ Foto von Ario Omidvar

Ahmad studierte in den kommenden Jahren an der „Al-Azhar-Universität Ghaza“ Englische und Französische Literatur und schloss 2009 mit dem Bachelor ab. Neben seinem Studium engagierte es sich all die Jahre in Friedensbewegungen. Doch durch seine aktive Teilnahme in einer  Organisation, die sich aus palästinensischen und israelischen Friedensaktivist_innen zusammensetzte, bekam er Probleme mit einer islamistischen Partei in Ghaza und musste das Land verlassen.

Im Dezember 2011 kam er mit seinem Cousin dann nach Österreich. Sie hatten gehört, dass es in Österreich noch nicht so viele Araber gab und sie deshalb vielleicht bessere Chancen haben würden als in Deutschland oder Belgien.

Seit eineinhalb Jahren arbeitet Ahmad im „Wien Museum“ als Aufseher. Doch das genügt ihm nicht. Das „Wien Museum“ bietet seit Kurzem kostenlose Führungen für Flüchtlinge an. Ahmad leitet diese Führungen in arabischer Sprache, unentgeltlich. Und auch sonst ist Ahmad immer zur Stelle, wenn jemand in seinem Umfeld Hilfe braucht, zum Beispiel als Übersetzer bei einem Spitalaufenthalt oder bei Behördengängen. Als ich ihn frage, wie er sich selbst mit einem einzigen Wort beschreiben würde, kommt nach langem Überlegen: hilfsbereit. Anderen zu helfen ist für ihn eine religiöse Verpflichtung. Aus Dankbarkeit dafür, was Gott ihm geschenkt hat und immer wieder schenkt, möchte er so gut er kann, anderen Menschen helfen.

Ich frage Ahmad nach seinen Träumen. „Ich möchte etwas machen, zum Beispiel Geige spielen oder backen und kochen, mit dem ich ein positives Bild meiner Heimat Palästina transportieren kann. Ich möchte in irgendeiner Weise mein Land repräsentieren.“ Seit Ahmad hier in Wien ist lernt er Geige spielen und er ist ein leidenschaftlicher Koch und kreiert die tollsten Torten- und Cupcake-Variationen. Vielleicht kann er in Zukunft seinen Traum verwirklichen und ein kleines Café oder Restaurant eröffnen, in dem er Spezialitäten aus seiner Heimat und Eigenkreationen servieren kann. Ein Stammgast wäre ihm jedenfalls schon sicher!

Einige von Ahmads Cupcake-Kreationen
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Er kreiert auch gerne Torten

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auf meine Frage, was er hier am meisten vermisst, antwortet Ahmad mit strahlenden Augen: „Das Meer! Ohne das Meer kann ich nicht leben!“ In Zukunft möchte er die österreichische Staatsbürgerschaft beantragen. Dann wäre es für ihn auch wieder einfacher zu reisen. Nur seine Heimat, Palästina, wird er weiterhin nur in Gedanken, im Traum, bereisen können.

„Ich bin jemand, der nie aufgibt!“ Das glaube ich ihm aufs Wort. Ahmad ist ein Sonnenkind und ich bin davon überzeugt, dass er seinen Weg gehen wird. Ich wünsche es ihm jedenfalls von Herzen!

 




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