Sujata Ghimire – das moderne Aschenbrödel

Nicht erst seit der Flüchtlingskrise sind Ausländer, Migranten, Flüchtlinge  Thema in Medien und Diskussionen, öffentlich, privat, überall. Hinter diesen „Kategorien“ stecken Menschen, die einen Namen, ein Gesicht, ein Herz, eine Geschichte haben. Und genau das möchte ich einigen von ihnen geben: einen Namen, ein Gesicht, eine Geschichte und Aufmerksamkeit.

Durch meine Arbeit als DaF-Trainerin (Deutsch als Fremdsprache) und ÖSD-Prüferin (Österreichisches Sprachdiplom) bin ich in den letzten Jahren sehr vielen Menschen aus den unterschiedlichsten  Ländern der Welt begegnet. Jeder hat seine eigene, faszinierende Geschichte. Einige möchte ich hier in meiner Reihe „Portäts: MenschenGesichterGeschichten“ vorstellen.

 

Sujata Ghimire

Alter: 24

Heimatland: Nepal

in Österreich seit: September 2012

IMG_1172new
Sujata auf einem ihrer Lieblingsplätze in Wien

Sujatas Geschichte klingt wie ein modernes Märchen und wäre ein geeigneter Stoff für eine Verfilmung. Als sie mir das erste Mal von ihrem Leben erzählte, kamen mir die Tränen. Das war irgendwann im Winter 2013/2014. Obwohl sie auch an dem Institut, an dem ich unterrichte, Deutschkurse belegte, lernte ich sie nicht dort kennen, sondern über Facebook, über einen gemeinsamen Freund, der auch schon in Nepal gewesen war. Und aus der virtuellen Freundschaft wurden Freundinnen  im realen Leben.

Sujata wurde in Bhaktapur geboren und wuchs dort mit ihren 3 Geschwistern, einer Schwester und zwei Brüdern, in ärmlichen Verhältnissen auf. Die Familie lebte gemeinsam in nur einem Raum. Das Gehalt des Vaters reichte zumindest so weit, dass die Familie nicht hungern musste. Eine leichte Kindheit hatte Sujata nicht. „Mein Vater hat mich immer gehasst, weil er keine Tochter haben wollte.“

Mädchen haben es in Nepal nicht immer leicht. Aber Sujata konnte eine öffentliche Schule besuchen, was ihr viel bedeutete. Sie war immer schon wissbegierig und lernte gerne. Dann kam die Zeit, die das Leben der Familie komplett auf den Kopf stellte. Der Vater brachte eines Tages seine zweite Frau mit nach Hause. Bereits nach kurzer Zeit eskalierte die Situation auf dem engen Raum und er verließ mit der „neuen“ Frau das Haus und die „alte“ Familie.

„An diesem Tag wurde ich zweifache Mutter“, sagt Sujata traurig. Vom Vater, der alkoholsüchtig war, sahen sie nie mehr einen Cent. Die Mutter war schon seit einiger Zeit schwer krank und arbeitsunfähig und der ältere Bruder kümmerte sich nur um sich selbst. Also war nun Sujata für ihre beiden jüngeren Geschwister verantwortlich und musste schauen, wie sie mit ihren 14 Jahren die Familie versorgen konnte. Ab und zu bekamen sie etwas Hilfe von Verwandten, was aber bei weitem nicht ausreichte.

Sujata2
Sujata in traditionell-modernem Look; Foto: Dominik Vsetecka

 

Da sie Englisch sprach, begann sie Touristen für ein bisschen Trinkgeld durch die Stadt zu führen. Am Durbar Square, dem Haupttummelplatz von Touristen in Bhaktapur, war sie das einzige Mädchen und nicht gerne gesehen. Der Konkurrenzdruck unter den Fremdenführern war groß. Viele hatten Hunger. Anfangs ging Sujata nach der Schule zum Platz, dann blieb sie der Schule immer häufiger fern. Das Geld reichte nicht, da die Mutter teure Medikamente brauchte.

Dann kam der Tag, der alles veränderte. Es war der 19. Oktober 2007. Dieses Datum wird Sujata niemals  vergessen. Sie spricht am Durbar Square eine Gruppe österreichischer Touristen an, zeigt ihnen die Stadt. Am Ende drückt ihr einer der Männer 50 Doller in die Hand. Und eine Visitenkarte, mit den Worten: „Schick mir eine Mail. Wer etwas bekommt, muss sich dafür bedanken.“ Sujata war sehr dankbar und glücklich, denn das Geld würde die Familie einen Monat über die Runden bringen. Aber was sollte sie mit der Visitenkarte? E-Mail schicken? Sie hatte noch niemals einen Computer angefasst…Doch ihre Neugier rettete sie aus dieser Situation. Sie ging in ein Cyber-Café und bat jemanden, ihr zu zeigen, wie man eine Mail schreibt. Geschafft!

Von da an gingen E-Mails regelmäßig hin und her. Im Januar 2008 dann die nächste Überraschung. Das Paar aus Österreich wollte Sujata mit einem Touristenvisum zu sich nach Österreich einladen! Sujata glaubte sich im Himmel. Nicht lange. Denn niemand glaubte ihr bzw. der Einladung. „Träumen ist gut, in der Realität wird nix passieren!“, wurde sie verspottet. Sie begann selbst zu zweifeln, wollte dennoch an diesem Traum festhalten und wurde vorerst vor bittere Tatsachen gestellt: Wer ins Ausland reisen möchte, braucht einen Reisepass. Sujata hatte keinen, sie hatte gar keine Papiere, sie existierte bis dato offiziell überhaupt nicht!

Um ihren Traum doch noch wahr werden zu lassen, musste sie ein großes Opfer bringen. Sie musste ihren Vater aufsuchen, denn nur er konnte die Papiere für sie besorgen. Es kostete sie große Überwindung, ihn, der  sie alle im Elend sitzen ließ, um etwas bitten zu müssen. Er tat es nur für Geld. Aber er tat es. Der Weg für das Abenteuer in die neue Welt war frei,

Sujata1new
Sujata in ihrer Heimat Nepal

Im April 2008 war es dann soweit. Sujata kam für drei Monate nach Österreich. Und sie fühlte sich wohl hier. Das Zusammenleben mit ihrer Gastfamilie war harmonisch, sie gewöhnten sich aneinander, gewannen sich lieb. „Könntest du dir vorstellen, länger hier bei uns zu bleiben?“. Das war ein Angebot für ein neues Leben. Sujata konnte ihr Glück kaum fassen, war unendlich dankbar und sagte: „JA, ich will!“.

Doch alles brauchte seine Zeit. Sujata kehrte in ihre Heimat zurück, lernte am Goethe-Institut fleißig Deutsch und wartete auf ihre Papiere. Bis sie alle Papiere für ein Studentenvisum in Österreich zusammen hatte, vergingen 4 Jahre! Ja, das „Märchen“ hatte seinen Preis. Aber Sujata einen langen Atem und Ehrgeiz. In dieser Zeit arbeitete sie beim Verein „Nepalhilfe für blinde Kinder“ mit, der von einer Österreicherin geleitet wird.

Im September 2012 startete sie in ihr neues Leben und kam nach Österreich. Der Abschied war nicht schwer. „Ich war die Einzige, die nicht geweint hat. Ich war einfach nur froh, dass ich weg konnte.“ In Österreich angekommen fühlte sie sich wie eine „Prinzessin“, verglichen mit der Lebenssituation in Nepal. Aber sie wollte nicht wie eine Prinzessin leben, sie wollte sich von Anfang an hier selbst etwas erarbeiten und ihr Leben selbst erkämpfen. So war sie es gewohnt. Und so wollten es auch ihre „neuen“ Eltern.

Sujata belegte Kurse im Vorstudienlehrgang, machte ihre Ergänzungsprüfungen in Deutsch und Mathe und begann mit dem BWL-Studium an der WU Wien. Nur zu studieren genügte ihr aber nicht. Sie wollte auch arbeiten. Im September 2013 begann sie als Praktikantin bei WHATCHADO, einem mittlerweile sehr erfolgreichen österreichischen Web-Portal. Nach dem Praktikum boten sie ihr dort eine feste Stelle im Marketingbereich an, ein perfekter Job. 2 Gründe, die Sujata dazu bewogen ihr Studium abzubrechen – sie hatte einige Prüfungen an der WU immer wieder nicht bestanden und gleichzeitig lockte die Versuchung der Festanstellung. Sujata entschied sich für die Sicherheit. Denn sie unterstützt nach wie vor ihre beiden jüngeren Geschwister in Nepal. Sie bezahlt das Schulgeld für den Bruder und die Internatskosten für die Schwester.

Sujata4new
Sujata beim Zubereiten von Momos – eine Spezialität aus ihrer Heimat

 

Was sie am meisten hier vermisst? „Meine Freunde…und das Gefühl der Leute…dort kann ich meine Freunde treffen, ohne dass ich einen Termin ausmachen muss“. Und das Essen fehlt ihr. Aber das holt sie sich in ihre eigenen vier Wände und kocht immer wieder ihre geliebten Momos – ein Stück Heimat. Ansonsten hat sie kein Heimweh. Sie ist sehr realistisch. Hat ihre Pläne, hat ein Ziel. Außerdem besucht sie ihre Heimat immer wieder.

Ich frage sie nach ihren Träumen. „Mein größter Traum hat sich erfüllt. Ich bin nach Europa gekommen. Jetzt muss ich noch einmal träumen…mmmhhh…ich will weise werden.“ Wir lachen beide und diskutieren, was „weise sein“ bedeutet.

Ich bitte Sujata, sich mit nur einem Wort zu beschreiben. „Ehrlich, direkt“, sagt  sie sofort. Deshalb würden auch manche Leute nicht so gut mit ihr klar kommen. Mir war ihre direkte Art von Anfang an sympathisch. Sie ist sehr realistisch und hat sich schon früh im Leben auf das Wesentliche konzentrieren müssen. Das härtet ab, aber es macht auch stark. Und das ist sie – eine unglaublich starke und selbstbewusste junge Frau, die ihren Weg geht. Und sie ist dankbar und demütig. Eine gute Mischung.

Sujata ist ein modernes Aschenbrödel, das trotz des wahr gewordenen Märchens ganz auf dem Boden geblieben ist und ihre Persönlichkeit beibehalten hat. Und sie will weiter wachsen. Viel Glück dabei meine Liebe!

Sujata3new
Jeder hat seine Geschichte!

 

 

 




Kommentar verfassen