Sameh Edward Aziz – der furchtlose Optimist

Nicht erst seit der Flüchtlingskrise sind Ausländer, Migranten, Flüchtlinge  Thema in Medien und Diskussionen, öffentlich, privat, überall. Hinter diesen „Kategorien“ stecken Menschen, die einen Namen, ein Gesicht, ein Herz, eine Geschichte haben. Und genau das möchte ich einigen von ihnen geben: einen Namen, ein Gesicht, eine Geschichte und Aufmerksamkeit.

Durch meine Arbeit als DaF-Trainerin (Deutsch als Fremdsprache) und ÖSD-Prüferin (Österreichisches Sprachdiplom) bin ich in den letzten Jahren sehr vielen Menschen aus den unterschiedlichsten  Ländern der Welt begegnet. Jeder hat seine eigene, faszinierende Geschichte. Einige möchte ich hier in meiner Reihe „Portäts: MenschenGesichterGeschichten“ vorstellen.

 

Sameh Edward Aziz

Alter: 37 Jahre

Heimatland: Ägypten

In Österreich seit: Oktober 2013

 

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Sameh am Eingang zur Koptisch-Orthodoxen Kirche“ Heilige Jungfrau von Zeitoun“ in Wien

Sameh besuchte im Herbst 2015 einen meiner Deutschkurse. Er ist eine Person, die man sofort ins Herz schließt: Sameh ist immer freundlich und fröhlich, hilfsbereit und redet nie schlecht über andere Menschen. Also eine echte Perle im Deutschkursgefüge! Und Sameh verkörpert für mich das, was man im Volksmund den „Hansdampf in allen Gassen“ nennt: Er arbeitet 20 Stunden pro Woche in einem Taxiunternehmen als Buchhalter, besucht täglich einen Deutschkurs, macht ehrenamtlich die Buchhaltung für die Koptisch-Orthodoxe Kirche in Wien, geht einmal pro Woche auch ehrenamtlich für die Caritas  in das Pflegewohnhaus „Haus Schönbrunn“, um den Menschen dort Gesellschaft zu leisten und mit ihnen Karten zu spielen, ist gerade dabei seine eigene Firma zu gründen und hat eine kleine Familie, um die er sich liebevoll kümmert!

Vor zweieinhalb Jahren verließ Sameh mit seiner Frau Saly und den beiden Söhnen Daniel und David die Heimat Ägypten. „Für mich wäre Ägypten besser“, sagt Sameh ein bisschen wehmütig. Er und seine Frau hatten sich der Kinder wegen für diesen Schritt entschieden. Sie wollen,  dass ihre Söhne in einem Land aufwachsen, dass ihnen bessere Zukunftsperspektiven als das Heimatland bieten kann. Die Wirtschaftslage in Ägypten ist schlecht, Zukunftsprognosen nicht sehr rosig. „Hier ist alles super: der Verkehr, die Sauberkeit, die Sicherheit, Schulen, Ausbildung und Arbeitschancen“.

Ein weiterer, ausschlaggebender Grund, das Land zu verlassen, war die Situation der koptischen Minderheit in Ägypten, der sie angehörten. „Wir Kopten stehen in Ägypten ständig unter gesellschaftlichem Druck“, sagt Sameh. Die Kopten werden in der islamisch dominierten Gesellschaft ausgegrenzt, sie leiden unter Vorurteilen und Diskriminierungen, vor allem in der Arbeitswelt. „Es war als Kind schon nicht leicht“, sagt Sameh mit einem Lächeln. „Wenn wir sonntags mit unseren Ikonographie-Bildchen in der Hand in die Kirche gingen, wurden wir von Gleichaltrigen beschimpft und auch oft geschlagen.“

Das wollen Sameh und Saly ihren beiden Söhnen ersparen. Da Samehs jüngere Brüder bereits in Österreich lebten, boten sie der Familie an, zu kommen und sich alles einmal anzuschauen. Im Oktober 2013 war es dann soweit. Sie kamen und blieben. Denn die Kinder fühlen sich hier sehr wohl. Saly studiert bereits Pharmazie an der Uni Wien und Sameh wird ebenfalls an der Uni Wirtschaftsinformatik studieren.

 

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Sameh, Saleh, Daniel und David in ihrer Heimat Ägypten

Ich frage Sameh, was er am meisten vermisst. „Ich vermisse mein Leben in Ägypten … Ich fühle mich hier immer noch verloren oder am falschen Platz.“ In seiner Heimat studierte er nach der Matura Betriebswirtschaft, schloss mit einem Bachelor ab und arbeitete einige Jahre erst als Buchhalter, dann als Senior Account Manager und zuletzt als Account Director in großen Firmen. Hier ist alles schwer für ihn. Aber Sameh ist wie immer optimistisch.

Einen sicheren Rahmen und ein Stück Heimat fand er in der  Koptisch-Orthodoxen Kirche in Wien, in der er sich sehr engagiert. In Wien gibt es 5 Koptische Kirchen und ein Kloster (St.Antonius Kloster in Obersiebenbrunnen). Seit 2003 ist die Koptisch-Orthodoxe Kirche anerkannte Körperschaft des Öffentlichen Rechts in Österreich. Derzeit leben 5000-6000 ägyptische Kopten in Wien. Kinder können koptischen Religionsunterricht in der Schule besuchen. Und sonntags haben sie in der Sonntagsschule die Möglichkeit, die koptische Sprache zu erlernen. Da die koptische Sprache bereits im 10. Jahrhundert in Ägypten verboten wurde, ging sie leider als lebendige Sprache verloren und wird heute fast nur noch im kirchlichen Rahmen gepflegt. Aber ca. 4000 koptische Wörter haben Eingang in das Ägyptisch-Arabisch gefunden. „Die Leute wissen das nicht, sonst würden diese Wörter wahrscheinlich verboten werden“, sagt S.E. Bischof Anba Gabriel in einem Gespräch. Seine Exzellenz bekleidet seit 2004 das Bischofsamt  der Koptisch-Orthodoxen Kirche für Österreich und die deutschsprachige Schweiz und ist mit Sameh verwandt.

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Sameh mit S.E. Bischof Anba Gabriel in der Koptisch-Orthodoxen Kirche „Heilige Jungfrau von Zeitoun“

Ich frage Sameh nach seinem Traum. „Ich wünsche mir, dass meine eigene Firma erfolgreich wird!“ Er hat gerade erst sein eigenes Gewerbe bei der WKO angemeldet, als Web-Designer. Demnächst wird seine Website fertig (der Link folgt hier in meinem Blog), dann kann es richtig losgehen. Dabei möchte er aber sein zweites Ziel, das Studium der Wirtschaftsinformatik, nicht aus den Augen verlieren.

Die richtigen Zutaten für eine erfolgreiche Zukunft hat er jedenfalls. Er beschreibt sich selbst als jemanden, der niemals Angst hat. Er geht alle Aufgaben, Anforderungen und Hürden des Lebens mit viel Optimismus und Humor an. „Außer bei meinen Kindern … da habe ich Angst, um sie habe ich Angst“. Deshalb ließ er sich auf das Abenteuer „neues Leben in Österreich“ ein. Und so geht er auch hier alles mit dem ägyptischen Sprichwort الصبر طيب (issabre tayyip) an – die Geduld wird ihm sicher Rosen bringen!




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