Stefanie „Itto“ Tapal-Mouzoun – der erblühende Engel

Heute gibt es in meiner Porträtreihe einmal ein Porträt andersherum: Ich stelle euch jemanden vor, der aus Deutschland weggegangen ist, um in der Ferne Gefühlen und Visionen zu folgen. Es ist die Geschichte einer gelungenen Integration, die durch Glaube, Liebe und innere Stärke gelang. Und es ist eine Geschichte über die Verwirklichung des großen Traumes, etwas für sich selbst und für die Gemeinschaft zu tun, basierend auf der Erkenntnis, dass es einem besser geht, wenn es auch anderen gut geht. Solche Geschichten brauchen wir in diesen Zeiten.

 

Stefanie „Itto“ Tapal-Mouzoun

Alter: 38

Heimatland: Deutschland

in Marokko seit: 2004

 

Die immer lächelnde Itto im schönen Ait Bouguemez Tal im Hohen Atlas

 

Als ich Itto im Februar dieses Jahres in Marrakesch zum ersten Mal persönlich begegnete, dachte ich mir sofort: Diese Frau ist ein Engel! Sie hat so ein herzliches und einnehmendes Wesen. Und sie strahlt all das aus, was mir selbst auch wichtig ist: Liebe, Menschlichkeit, innere Ruhe und Zuversicht. Man mag sie einfach nur umarmen. Im Oktober besuchte ich sie und ihre Familie zuhause im Ait Bouguemez Tal im Hohen Atlas, wo sie  seit 12 Jahren leben.

Auf die Frage, warum sie ihre Heimat verlassen habe, antwortet Itto: „aus Liebe zu meinem Mann, zum Land und zur Religion.“ Allein die Reihenfolge ihrer Liebeseingeständnisse und -erklärungen ist etwas anders, als man es erwartet hätte.

Im Jahr 2002 kam Itto im Rahmen eines Studienpraktikums zum ersten Mal nach Marokko. Sie studierte damals an der FH Stuttgart Innenarchitektur und hatte die Möglichkeit, ein halbes Jahr nach Marrakesch zu gehen. Sie verliebte sich sofort in das Land und hatte genug Zeit, mit Land und Leuten etwas vertraut zu werden. Durch die Zusammenarbeit mit den muslimischen Kollegen vor Ort kam sie in den ersten Kontakt mit dem Islam.

Lächelnd, fast beschämend, erzählt Itto, welch mulmiges Gefühl sie hatte, als sie zum ersten Mal den Koran in deutscher Übersetzung in ihren Händen hielt. Bis dato war sie gläubige, praktizierende Protestantin und wollte ursprünglich sogar Theologie studieren. Der Kontakt mit diesem ihr noch fremden heiligen Buch war ein mutiger Schritt für sie. Zumal sie auch nicht ganz frei von den Ressentiments war, die im Westen gegenüber dem Islam herrschten.

„Allah hat mich zum Islam geführt. Er ist für mich die Fortführung des Christentums.“ Itto ließ sich mit offenem Herzen auf das Neue ein und fand darin ihr Heil. Die Religion habe sie schon immer getragen, sagt Itto. Im Islam werde für sie weitergeführt, was sie schon kannte, ihre Liebe und ihr Vertrauen zu Gott gestärkt und es würden ihr Fragen beantwortet, auf die sie noch keine Antworten gehabt hatte. „Ich habe mich Gott voll anvertraut.“ Resultat dieser inneren Wandlung und Zuwendung war Ende des Jahres 2002 ihre Konversion zum Islam.

 

Itto und Haddou am Anfang ihres gemeinsamen Weges

 

Während ihres ersten Aufenthalts in Marokko lernte sie auch ihren späteren Ehemann Haddou Mouzoun kennen. Er arbeitete damals als Reiseleiter in der Stadt, wodurch die beiden in Kontakt kamen. Sie wollte sich diesem Mann nicht hingeben, ohne absolute innere Gewissheit und einen offiziellen äußeren Rahmen zu haben, sagt Itto lächelnd.  So verlobten sie sich Ende 2002 und im Frühjahr 2003 heirateten die beiden in Deutschland.

Nachdem Itto in Deutschland ihr Studium beendet hatte und das erste Kind zur Welt gekommen war, zog die kleine Familie im Sommer 2004 los, um in Haddous Heimat ihr Glück zu finden. Nach einem halben Jahr in Fes übersiedelten sie ins Ait Bouguemez Tal. Itto wollte das Leben, die Sprache und Kultur ihres Mannes und somit auch ihrer Familie kennen lernen. In den folgenden Jahren lernte sie die Berbersprache und integrierte sich mit viel Engagement und Interesse und ganz viel Herz in die familiäre und dörfliche Gemeinschaft. So wird in der Familie Mouzoun Berber und Deutsch gesprochen und berberische Traditionen werden gepflegt und gelebt.

Itto ist anerkanntes und geschätztes Mitglied der dörflichen Gemeinschaft und fühlt sich dort, in der Abgeschiedenheit des Tals ganz zu Hause, angekommen. Das sieht man und das spürt man.

In den ersten Jahren im Tal hatten Itto und Haddou eine kleine Reiseagentur und zeigten europäischen Touristen ihr wunderschönes Land. Mit der Zeit merkte Itto, dass dieser Beruf nicht wirklich ihre Berufung war. Ihr Interesse ging immer mehr in Richtung Pädagogik, mit der sie sich zunehmends beschäftigte. 2007 kam es dann zu einer Begegnung, die den Grundstein für die Verwirklichung von Ittos Visionen legte:

Veronika Müller-Mäder und Jürg Mäder, die Gründer und Leiter der „Scuola Vivante“ in der Schweiz, kamen im Zuge einer Bildungsreise mit einigen Schülern ins Ait Bouguemez Tal. „So eine Schule wie eure würd‘ ich mir für meine Kinder wünschen“, sagte Itto bei dieser Begegnung. Die Antwort der beiden Schweizer: „Warum gründet ihr nicht eine eigene Schule – wir helfen euch!“

 

Itto mit Kindern aus dem Tal in der Planungs- und Vorbereitungsphase der „école vivante“

 

So entstand und reifte die Idee einer Partnerschule. Itto und Haddou folgten gemeinsam der Vision, die Bildungsmöglichkeiten für die Kinder im Tal zu verbessern. Das Grundkonzept der Schule: „Kinder können werden, was sie im Grunde ihres Wesens sind.“ Die Kinder sollten fortan die Möglichkeit und den Raum bekommen, ihre Talente zu entdecken und zu entfalten, aber auch und ganz wichtig, marokkanische Heimatkunde lernen und alte Berbertraditionen pflegen. Das Hauptaugenmerk der Ausbildung soll auf der freien Entwicklungsmöglichkeit des einzelnen Schülers und der Förderung der Talente liegen.

Im September 2010 konnte der offizielle Unterrichtsbetrieb der freien Grundschule „école vivante“ aufgenommen werden, anfangs noch in den Räumen des Familienhauses, was eine harte Belastungsprobe für die mittlerweile 5-köpfige Familie war. Aufgrund der räumlich prekären Situation und der Tatsache, dass das Schulangebot im Tal von der Bevölkerung sehr gut angenommen wurde, zog die Familie nach 4 Jahren in ein angrenzendes Haus, um der Schule den nötigen Raum und ihnen selbst auch den räumlichen Abstand geben zu können.

Aber damit nicht genug, die Visionen und Ambitionen von Itto und Haddou gingen weiter: 2014 wurde mit dem Neubau für die Sekundarstufe begonnen, welcher Ende des Jahres fertig wurde und 2017 eingeweiht werden wird. In diesem neuen Schulgebäude werden die Realschulklassen mit Freizeitwerkstätten, Tüftellabor und Seminarräumen untergebracht sein.

Ohne die vielen helfenden Hände, Berater und Wegbegleiter, ohne die Vielzahl an Spenden, wären all diese realisierten Visionen niemals möglich gewesen. So wurde der Bau des neuen Schulgebäudes fast komplett von WELTWEITWANDERN finanziert. Dafür sind Itto und Haddou unendlich dankbar.

 

Itto und Haddou mit ihren 4 Kindern vor dem fast fertiggestellten neuen Schulgebäude im Oktober 2016

 

Ich frage Itto nach ihren Träumen. „Ich habe viele Riesenvisionen“, sagt und lacht sie wieder herzlich und frei. Der „campus vivante“ sei ihr gemeinsames Lebensprojekt. Diese Vision sei aus einem ursprünglichen Traum gewachsen: anderen ermöglichen zu erblühen, sich selbst treu zu bleiben und die Verbindung zur Natur, zu Gottes Schöpfung zu behalten. „Wir erblühen mit dem Projekt total und helfen vielen anderen zu erblühen.“

Als ich Itto bitte, sich selbst mit nur einem Wort zu beschreiben, sagt sie nach langem Überlegen: erblühen.

Und wahrlich, durch ihren unermüdlichen Einsatz und ihre nie versiegende Energie hat die Mutter von heute 4 Kindern gemeinsam mit ihrem Mann wirklich Großes vollbracht. Sie haben das Leben im Tal nachhaltig verändert und durch die besseren Ausbildungsmöglichkeiten den Lebensstandard der Bevölkerung erhöht.

Zum Schluss frage ich Itto, woher sie die Kraft für all das nehme. Sie lächelt und zeigt mit dem Finger nach oben. In diesem Moment denke ich, dass es völlig egal ist, welcher Religion man angehört. Wenn man sich nur darin zuhause fühlt und so viel Lebenskraft und Liebe daraus schöpfen kann.

Möge Gott ihr noch viel von beidem geben! Inshallah

Itto und ich vor dem Schulgebäude im Ait Bouguemez Tal

 

 

Wer mehr über das Schulprojekt im Hohen Atlas erfahren möchte: Hier geht es zur Homepage der école vivante:

http://www.ecolevivante.com/

 

Und auch auf der Seite des Vereins „Weltweitwandern wirkt“ kann man mehr über das Projekt erfahren und auch spenden:

http://www.weltweitwandernwirkt.org/

 

 

 

 

 

 

 

 



  • Werte Caroline,
    das von dir hier gezeigte Einzel-Beispiel einer europäischen Frau namens Stefanie-(Itto) Tapal-(Mozoun) zeigt eine menschliche (und wohl auch geglückte) Integration VON Europa nach AUSSERHALB Europas!
    Das zunehmende Problem HIER IN Europa ist umgekehrt:
    mehr und mehr nicht-europäische Menschen, die bereits in Europa sind, zeigen deutlich ABSOLUT keinen Integrationswillen!
    Deshalb ist es nicht verwunderlich, daß mehr und mehr… und mehr … Menschen in Europa KEINE „Flüchtlinge“ : sprich deutlich MUSLIME! in Europa haben wollen!!
    Es wäre gut/positiv, Caroline, wenn du diese Realität in deine zukünftigen Berichte mit einfließen lassen würdest.

    • Frau Pirstinger (ich weiß nicht, warum Sie mich duzen…sollten wir uns kennen?),

      mit Ihrem zutiefst rassistischen Kommentar sind Sie bei mir nun wirklich an der falschen Adresse! Für das, was Sie lesen möchten, brauchen Sie mich nicht, denn das finden Sie zur Genüge in der Tagespresse. Rassismus, Hass und Intoleranz haben in meiner Lebenswirklichkeit keinen Platz und wenn Sie nur die Einleitung meinerPorträts gelesen hätten, hätten Sie das bemerkt.

      Ich begann meine Porträts im Winter 2015/2016 zu schreiben, da ich die negativen Meldungen, Meldungen über „die Flüchtlinge“, „die Ausländer“ usw. nicht mehr ertragen konnte. Ich wollte eine Gegendarstellung begründen, diesen Menschen Gesicht, Namen und eine Geschichte geben.
      Außerdem bin ich an keine Weisungen gebunden, es ist mein privater Blog, ich schreibe, was mir wichtig ist und am Herzen liegt – Rassismus gehört DEFINITIV nicht dazu!
      Ich lebe nach dem Prinzip: Je mehr Hass einem entgegenschlägt, mit umso mehr Liebe reagieren!


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