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Caroline Ouederrou

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Marokko

Qanat – قناة – Wasser für die Wüste

Unser Roadtrip geht weiter. Wir sind auf der Strecke zwischen Tinghir und Erfoud, das heißt, wir kommen immer näher an den Rand der Sahara. Das Herannahen der Wüste macht sich durch kleinere Sandanhäufungen, kleine Dünen am Straßenrand bemerkbar. Dann taucht plötzlich etwas Befremdliches in der Landschaft auf. Es sieht aus wie überdimensionale Maulwurfhügel. Dann erinnert es  mich auch an die Termitenhügel in West- und Ostafrika. Wir schauen uns fragend an. Was ist das? Und es werden immer mehr, scheinbar systematisch in die Landschaft gesetzt.

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Maulwurf- oder Termitenhügel? Wir sind ratlos…

Wir beschließen zu halten und dem Rätsel auf den Grund zu gehen. Zum Glück treffen wir sofort auf einen netten Berber, vom Stamm der Timarzite,  der so freundlich ist, unsere Neugier zu befriedigen. Bei den Hügeln handelt es sich um Aushubkegel einer sogenannten Qanat-Kette (auch Foggara, Faladsch oder Khettara genannt – je nach Region/Land, wo sie vorkommen). Qanat ist eine uralte, traditionelle Form der Frischwasserförderung in Wüstengebieten. Mir war dieses Bewässerungssystem bereits aus dem Iran bekannt, ich hatte es bisher jedoch noch nie in Marokko gesehen.

Die ersten Qanate wurden von den Persern vor ca. 3000 Jahren gebaut. Mit der islamischen Expansion brachten die Araber das System im 8. Jahrhundert bis nach Nordafrika und Südspanien! Qanat-Systeme werden seit jeher verwendet, um Wüstengebiete mit Frischwasser aus Bergregionen zu versorgen.

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Qanat – traditionelles Bewässerungssystem in Wüstengebieten

Um das Schmelzwasser aus den Bergregionen beziehen zu können, werden kilometerlange, unterirdische Kanäle angelegt. Am Rande eines Gebirges wird das Grundwasser angezapft (Mutterbrunnen) und dann durch den Tunnel geleitet. Dabei verläuft der Tunnel vom Mutterbrunnen über die vielen Schächte zum Qanat-Austritt in einem leichten Gefälle.

Die Hügel, die wir sehen, sind die Aushubkegel der in geringem Abstand voneinander angelegten Schächte. Diese Schächte haben weitere Funktionen. Sie erleichtern die Wartungsarbeiten am Tunnel, der regelmäßig von Schlamm und Sand gereinigt werden muss. Außerdem sorgen die Schächte für den nötigen Druckausgleich im Tunnel.

Unser netter Begleiter erklärt uns, dass jeweils ein Stamm für die Wartung einer Qanat-Kette zuständig sei. So sei er hier als Stammesmitglied für die Instandhaltung des Tunnels mitverantwortlich. Ihre Kette hier ist 15 Kilometer lang und bedeutet für ihn und seine Stammesmitglieder viel harte, aber lebensnotwendige Arbeit.

Dann fragt er uns, ob wir ihn in einen Schacht hinunter begleiten wollen. Wir sind sofort dabei und steigen mit ihm eine lange Treppe in die Tiefe hinab.

 

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Im unterirdischen Kanal einer Qanat-Kette – spannend!

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Wir gehen durch den dunklen Schacht. Dabei wird uns klar, wie viel Arbeit die Wartung des Tunnels für die Leute hier mit sich bringt. UND die Lebensnotwendigkeit und Wertigkeit von Trinkwasser kommt mir einmal mehr ins Bewusstsein. Wir Europäer, die nur den Wasserhahn aufdrehen müssen, vergessen das immer wieder: Ohne Wasser kein Leben! Wasser ist so ein hohes Gut und die Menschen hier müssen schwer dafür arbeiten, Trinkwasser und Wasser für die Felder zu bekommen.

Wir bedanken uns ganz herzlich für die Gastfreundschaft und die Erklärungen. Und setzen unseren Weg fort.  In einem Straßenrestaurant finden wir dann diese Karte, auf der man unsere Fahrtstrecke nachvollziehen kann:

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Unser Weg führt uns heute von Tinghir nach Erfoud

Mehr Fotos von unserem Road-Trip gibt es hier:

https://www.facebook.com/caroline.ouederrou/media_set?set=a.10207015899328797.1019165353&type=3

Viel Spaß beim Lesen und Träumen und Traumreisen!

Bslama!

 



Gnawa – die Rhythmuszauberer

Als wir Merzouga und die Wüste verlassen, schlägt mir mein Begleiter Rachid vor: „Wir könnten noch die Gnawa-Musiker in Khamlia besuchen?!“ Ich bin begeistert! Ich kenne und liebe Gnawa-Musik, wusste jedoch nicht, dass die Musiker hier in der Gegend ansässig und zu finden sind UND, dass man sie besuchen kann!

Der Weg führt uns circa 10 Kilometer an Merzouga vorbei weiter in Richtung Südosten und schon sind wir in Khamlia. Das ist ein ganz kleiner Wüstenort im Schatten der großen, berühmten Erg Chebbi Düne. Alleine für diesen Anblick hätte sich die Fahrt hierher schon gelohnt! Ungefähr in der Mitte des Ortes sehen wir dann am Straßenrand das Schild: „Dar Gnawa“.

 

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Ankunft in „Dar Gnawa“ in Khamlia

Der Eintritt in „Dar Gnawa“ ist wie das Betreten eines kleinen Paradieses. Das Gnawa-Haus ist eine kleine Oase der Ruhe, des Friedens, der Farben und der Töne. Ich spüre eine besondere Energie und fühle mich sofort wohl dort. Wir setzen uns im Innenhof in den Schatten eines Olivenbaumes und Hamad Mahjoubi, der Leiter des Hauses, erzählt uns bei einem Tee ein bisschen über Khamlia und Gnawa.

Die Einwohnerschaft Khamlias setzt sich aus Berbern, Arabern und Mitgliedern verschiedener Stämme mit sub-saharischen Wurzeln zusammen. Letztere sind alles Nachfahren von Sklaven, die ursprünglich aus dem westlichen subsaharischen Afrika stammten. Einer dieser Stämme sind die „Bambara“. Und die werden auch „Gnawa“ genannt.

Die Bezeichnung „Gnawa“ stammt von dem Wort „Guinea“ ab und bezieht sich auf das Gebiet der heutigen westafrikanischen Staaten Mauretanien, Senegal, Niger und Mali. Im 11. Jahrhundert begann die Verschleppung Gefangener aus diesem Gebiet, die zur Sklavenarbeit auf Zuckerrohrplantagen nach Marokko gebracht wurden. Sie brachten ihre Musik mit und tradierten sie über Generationen.

Seither werden hierzulande unterschiedlichen Arten von Gnawa-Musik gespielt. Hier in Khamlia spielen die Bambara eine besondere und mittlerweile sogar weltweit bekannte und berühmte Art der Gnawa-Musik. Diese Musik ist sehr rhythmusbetont. Die verwendeten Instrumente sind folgende:

  • die 3-saitige Laute  „guembri“ oder „hajhouj“
  • Metallkastagnetten „qraqeb“
  • Trommeln „ganga“

 

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die typischen Gnawa-Instrumente: Metallkastagnetten und Guembri
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eine Gnawa-Trommel mit buntem Dekor

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Gesang ist eine sprachliche Melange aus den 3 Sprachen Arabisch, Berber und Bambara. Die Musik spielt eine sehr große Rolle im Alltag der Bambara. So nutzen sie zum Beispiel den Einsatz der Musik um Krankheiten zu heilen. Geübten Musikern gelingt es, sich durch die Musik in Trance zu versetzen. So erzählt es uns Hamid, beobachten können wir dies selbst bei unserem Besuch leider nicht.

Hier im Gnawa-Haus laufen auch einige Kinder herum. Sie werden schon früh in die Welt der Gnawa-Musik eingeführt, um die Traditionen zu bewahren. Jeder Besucher bekommt in „Dar Gnawa“ eine Darbietung ihrer tollen, einzigartigen und mitreißenden Musik zu sehen. Man kann dort auch Mittagessen. Am besten wäre es , denke ich mir, wenn man hier auch noch übernachten könnte, denn es ist wirklich ein kleines Paradies. Wir fühlen uns sehr wohl und willkommen hier!

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Gnawa-Musiker bei einer Darbietung mit Gesang und Tanz
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Gnawa-Musiker in traditioneller Besetzung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wer mehr über „Dar Gnawa“, die Bambaras und ihre Musik erfahren möchte, kann auf ihre Homepage gehen (die momentan aber noch in Arbeit ist):

http://www.khamlia.com/

Auf meiner Facebook-Seite könnt ihr euch eine musikalische Kostprobe anhören:

https://www.facebook.com/caroline.ouederrou/videos/vb.1019165353/10206995628422037/?type=2&theater

Und auf meiner Facebook-Seite gibt es auch Fotos mit Eindrücken unseres Besuchs in „Dar Gnawa“:

https://www.facebook.com/caroline.ouederrou/media_set?set=a.10206996518724294.1073741928.1019165353&type=3

 

Ich hoffe sehr, dass ich auf einer meiner nächsten Marokko-Reisen noch einmal die Gelegenheit haben werde, „Dar Gnawa“ zu besuchen. Man hat dort die Gelegenheit, wie ich finde, etwas Einmaliges zu erleben und zu spüren. Ein Besuch dort ist absolut empfehlenswert!

 

 

 




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